Zeitung Heute : Marcel Reich-Ranicki im Gespräch: "Sie begreifen nichts" (Fortsetzung)

In Ihrem heutigen Leben?

In Ihrem heutigen Leben?

In meinem ganzen Leben. Die Frage, ob es heute in Deutschland Antisemitismus gibt, kann überhaupt nicht beantwort werden, weil nicht geklärt ist, was man unter dem Wort "Antisemitismus" versteht. Ich will Ihnen das genau erklären. Sind Antisemiten jene, die glauben, die Juden hätten in dem Land eigentlich nichts zu suchen, sie sollten keine Rolle im öffentlichen Leben spielen? Sind das die Antisemiten? Gewiss, oder sind es jene Leute, die zwar meinen, jede Diffamierung und Diskriminierung von Juden sei unzulässig, die Juden müssten genauso behandelt werden wie die anderen Bürger, selbstverständlich, sie sollten auch wichtige Positionen im öffentlichen Leben haben, die aber zugleich der Ansicht sind, dass ihnen die Juden auf die Nerven gehen, und die, bei aller Gerechtigkeit für die Juden, abends, wenn sie mit Freunden beim Bier sitzen, lieber keinen Juden am Tisch haben wollen? Denn es könnten, wenn ein Jude dabeisitzt, gewisse Themen vielleicht nicht so ganz frei besprochen werden. Verstehen Sie? Oder ist Ihnen das völlig neu?

Nein, aber können Sie sich vorstellen, dass Sie den Leuten vielleicht aus anderen Gründen auf die Nerven gehen?

Ach, bitte verlangen Sie nicht immer von mir, dass ich mir etwas vorstelle. Wenn ich ruhig zu Hause säße, wäre meine Lebenssituation eine andere. Aber ich publiziere Kritiken, und zwar nicht in irgendeiner Literaturzeitschrift, sondern im "Spiegel", in der "FAZ". Ich trete im Fernsehen auf.

Als jemand, der auffällt, würden Sie auch als Nichtjude angefeindet.

Möglich. Das weiß ich nicht. Still bin ich nie gewesen.

Ihr Schreien hat mit Verzweiflung zu tun?

Vielleicht, denn ich habe jahrelang schweigen müssen. Ich habe jahrelang mit meiner Frau, als wir im Verborgenen lebten, nur flüstern können. Vielleicht hat es damit zu tun.

Haben Sie es je verflucht, ein Jude zu sein?

Nein, ich habe es nicht verflucht. Ich bin auch nie auf die Idee gekommen, mich taufen zu lassen, niemals. Aber wenn sich meine Ururgroßeltern hätten taufen lassen, und ich als Nichtjude geboren wäre und gar nicht gewusst hätte, dass da irgendwelche Vorfahren Juden waren ...

Das wäre Ihnen lieber gewesen.

Oh Gott, wie viel lieber wäre mir das gewesen! Fragen Sie einen Schwulen, ob er nicht lieber als Nicht-Schwuler geboren wäre! Fragen Sie jeden Angehörigen einer Minderheit! Es ist nicht angenehm, einer Minderheit anzugehören. Das kann ich Ihnen mit voller Verantwortung sagen.

Außer man sieht es als eine Aufgabe an.

Ja, es bleibt einem nichts anderes übrig. Der Not gehorchend, nicht dem eignen Triebe ... Es gibt doch diesen Witz, da sagt ein Jude: Lieber Gott, Du hast unser Volk auserwählt, es reicht, jetzt wähl Dir mal ein anderes aus.

Sie können noch Witze machen?

Ja, warum nicht?

Glauben Sie nun, dass aus diesem Interview doch etwas werden könnte?

Wenn Sie sich ein bisschen Mühe geben, ja. Sie müssen sich Mühe geben.

Was machen Sie heute noch?

Nichts! Sie haben mich dermaßen angestrengt. Sie sind ein schrecklicher Mensch, ein abscheulicher Mensch, ein furchtbarer Mensch.

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