Marek Prawda : "Wir werden viel Zeit brauchen"

Polens Botschafter Marek Prawda über die Folgen für sein Land.

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Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ich habe das erst nicht geglaubt. Viele langjährige Freunde und Kollegen waren in dem Flugzeug, etwa der Vizeaußenminister oder der Protokollchef. Das Ausmaß ist erschütternd. Ein unvorstellbarer Aderlass für mein Land, eine Tragödie.

Wie sind ihre persönlichen Erinnerungen an Lech Kaczynski und an seine Frau?

Ich habe Lech Kaczynski oft erlebt, zuletzt beim Besuch des deutschen Außenministers Guido Westerwelle in Warschau. Kaczynski hat sich sehr viel Zeit genommen, ihn durch den Präsidentenpalast geführt – und er hat ihm den runden Tisch gezeigt, an dem die Demokratie in meinem Land wieder hergestellt wurde. Lech Kaczynski war ja am Übergang zur Demokratisierung aktiv beteiligt. Er war einer, der von Anfang an den Wandel in Polen begleitet hat – einen Wandel, von dem auch Deutschland profitiert hat. Vermissen werden wir auch Maria Kaczynska. Meine Frau und ich hatten ein gutes Verhältnis zu ihr, sie lebte geradezu ihr Amt als First Lady, und sie hat sich sehr für Deutschland interessiert.

In der Nähe des Unglücksortes ließ Stalin 1940 Tausende Angehörige von Polens Elite ermorden. Gibt es einen „Fluch von Katyn“?

Nein, den gibt es nicht. Es gab lange Zeit unterschiedliche Wahrnehmungen und auch Lügen über Katyn, die Polen und Russen getrennt haben. Doch jetzt hatten wir vor einer Woche das Treffen der Ministerpräsidenten Tusk und Putin, an dem beide eine gemeinsame Sprache gefunden haben. Schon das hat gezeigt: Aus Katyn kann auch eine Hoffnung entstehen. Die Tragödie von Smolensk geht in die gleiche Richtung. Sie kann Russen und Polen auch einander näher bringen …

… Russland hat am Montag Staatstrauer ausgerufen. Ein Neubeginn?

Jedenfalls kein Fluch, keine Opfergeschichte, die ihre Fortsetzung findet. Smolensk ist eine schreckliche Tragödie, die etwas Verbindendes birgt. Wir sollten diese Chance nutzen und uns nicht mit Verschwörungstheorien aufhalten.

Wie geht ihr Land mit dem Verlust großer Teile seiner Elite um?

Wir müssen die institutionelle Wirklichkeit von der emotionalen trennen, so hart das klingen mag. Die institutionellen Prozeduren sind da: Der Parlamentspräsident ist jetzt Interimsstaatschef, es wird vorgezogene Präsidentschaftswahlen geben, viele Ämter werden in diesen Tagen neu besetzt. Das ist ein Test für den polnischen Staat. Wir müssen jetzt zeigen, dass wir handlungsfähig sind. Auf der anderen Seite sehen wir die emotionale Wirklichkeit. Ganz Polen trauert. Wir werden viel Zeit brauchen, um den Verlust der Menschen zu verkraften.

Polens politische Debatten gelten als hitzig und scharf. Ist das innenpolitische Klima nach Smolensk ein anderes?

Ich will mich nicht unnötigen Illusionen hingeben. Nach Erfahrungen des Zusammenhalts wird eines Tages wieder der Alltag einkehren, das ist ganz normal. Und doch werden wir andere Debatten erleben. Die Politiker haben jetzt einen anderen Bezugspunkt. Vielleicht fällt es uns künftig einfacher, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Das wird die Übergangsphase hoffentlich überdauern, die wir jetzt erleben.

Was bleibt von Präsident Kaczynski?

Lech Kaczynski wird von vielen in Polen als ein Politiker gesehen, der eine Menge erreicht hat: Etwa die Gewissheit, dass wir es uns mit der Vergangenheit nicht zu einfach machen können. Die Aufarbeitung der Vergangenheit mit unseren Nachbarländern ist eine Geschichte, die viel Geduld braucht – es lohnt sich aber, daran zu arbeiten. Versöhnung ist kein Ritual, sondern erfordert Beharrlichkeit. Auch hat es Kaczynski vermocht, Polens zersplitterte Rechte zu einen und in die Demokratie zu integrieren.

Der Bundespräsident und der Außenminister waren gestern bei Ihnen in der Botschaft, Angela Merkel hat sich ins Kondolenzbuch eingetragen: viele Deutsche trauern mit den Polen – obwohl Kaczynski eine umstrittene Figur war. Überrascht Sie das?

Über die Anteilnahme habe ich mich sehr gefreut. Deutsche und Polen sind Nachbarn, da werden Emotionen spontan gezeigt. Meinungsunterschiede spielen da erst einmal keine Rolle. Kanzlerin Angela Merkel hat im Übrigen Lech Kaczynski als Patriot geschätzt und lange mit ihm privat in seinem Landsitz geredet, davon hat sie bei ihrem Besuch in der Botschaft gesprochen.

Lech Kaczynskis Verhältnis zu Deutschland galt als problematisch.

Das wird ihm nicht gerecht. Es gibt in Polen Generationen- und Erfahrungsgemeinschaften im Verhältnis zu Deutschland. Der Krieg war und ist da ein wichtiger Ausgangspunkt, das prägte natürlich auch den Präsidenten. Und doch hat er sich sehr für Deutschland interessiert. Das hat mir gerade wieder Richard von Weizsäcker bestätigt. Er hat ihn 2007 in Warschau besucht. Die beiden haben stundenlang über Geschichte gesprochen, über die komplizierten Beziehungen, über Weizsäckers Bruder Heinrich, der einen Tag nach Kriegsbeginn in Polen fiel. Kaczynski hat das sehr interessiert – es gab ihm die Möglichkeit, Deutschland besser kennenzulernen. Die beiden blieben daraufhin in engem Kontakt.

Kann die gemeinsame Trauer auch positive Folgen für Deutsche und Polen haben?

Ich bin sicher, dass das so wird. Wir mögen verschiedene Sprachen sprechen und einen anderen historischen Hintergrund haben, doch Extremsituationen machen uns auch empfänglich für Gesten. Wir haben solche Gesten aus Deutschland nie vergessen, wie etwa die Hilfe vieler Westdeutscher in der Zeit des Kriegsrechts nach 1981, als eine Welle von Hilfspaketen Polen erreichte. Auch die Anteilnahme in diesen Tagen werden wir nicht vergessen.

Marek Prawda, geboren 1956 in Kielce, ist seit 2005 Botschafter Polens in Deutschland. Der Deutschland-Kenner trat 1980 der Solidarnosc bei. Das Interview führte Sebastian Bickerich.

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