Zeitung Heute : Marga Elser: "Ich war eigentlich tot"

Jana Simon

An jenen Montag im vergangenen August hat sie keine Erinnerung mehr. Sie weiß nur noch, dass ihr Mann sie zum Zug nach Wuppertal gebracht hat. Danach zerfließt alles im Dunkeln. Sie lächelt ein bisschen entschuldigend: "Vielleicht kommt das Gedächtnis ja wieder." Marga Elser hat allen Grund, jenen Tag aus ihrem Leben zu löschen. Sie sitzt in ihrem Büro Unter den Linden und sortiert verlegen die vor ihr auf dem Tisch liegenden Stifte immer wieder neu. Die Geschichte ist ihr etwas peinlich.

Marga Elser sitzt für die SPD im Bundestag, sie ist eine robuste Frau, 56 Jahre alt, mit kurzen blonden Haaren. Ein roter Berliner Plastikbär schaut vom Schrank auf ihre Hände. Der Schreibtisch ist aufgeräumt, heute Nachmittag gibt es eine Anhörung zum Pflegequalitätssicherungsgesetz, ihrem Spezialgebiet. Alles scheint in Ordnung. Wäre da nicht die Schreibunterlage: In schwarzer Schrift steht dort "Calvin". Es soll der Beginn des Wortes "Calvinstraße" sein; die erste Silbe sieht ganz normal aus, die zweite geht in merkwürdigen Kringeln unter, als habe Elser sie mehrmals durchstreichen wollen. Seit jenem Tag im August fällt es ihr schwer zu schreiben.

Damals saß sie in der Wuppertaler Felderbach-Klinik auf dem Operationsstuhl. Sie hat es vergessen, aber so muss es gewesen sein. Sie wollte sich neue Zähne implantieren lassen. Nicht viele Ärzte in Deutschland machen das, einer der es macht, ist Dr. Frank-Peter Spahn. Marga Elser hatte in einer Zeitschrift von ihm gelesen. Ein Jahr zuvor, im Frühjahr 1999, hatte sie sich schon den Oberkiefer bei ihm operieren lassen. Das erste Mal ging alles gut. Und nun saß sie wieder hier.

Eine fatale Verwechslung

Sie wusste nicht, dass Spahns Approbation seit einigen Tagen wegen "Unzuverlässigkeit und Unwürdigkeit" ruhte. Elser wunderte sich nicht darüber, dass sie nie andere Patienten bei ihm sah, dass man nicht durch die Vordertür, sondern durch einen Nebeneingang in die Klinik gelangte und sie schon vor der Operation den Scheck abgeben musste. "Für mich war das einfach ein Zahnarzt", sagt sie. Und sie wollte neue Zähne. Alles ganz einfach. Marga Elser sieht angestrengt auf die Tischplatte vor sich. Wer redet schon gern über seine Zähne.

Was dann passierte, ist nicht vollständig geklärt. Es sieht so aus, als hätte ein Anästhesist den Beatmungsschlauch statt in ihre Luft- in die Speiseröhre eingeführt. Daraufhin platzte ihr Magen. Sie fiel ins Koma, hatte einen Hirninfarkt, und ihr Herz stand zeitweilig still. "Ich war eigentlich tot", sagt sie. Nach Aussagen des Notarztes, der bald darauf gerufen wurde, hatte die Klinik nicht einmal Sauerstoff, um die Patientin ausreichend zu beatmen. Der Anwalt von Frank-Peter Spahn meint nun, es sei nicht geklärt, wo die Verwechslung von Luft- und Speiseröhre erfolgte, in der Felderbach-Klinik oder später in der Notfallaufnahme des Krankenhauses. Er spricht von einer "Hetzkampagne" gegen Spahn. Gegen den Kieferchirurgen spricht, dass die Wuppertaler Staatsanwaltschaft noch in anderen Fällen gegen ihn ermittelt. Einer seiner Patienten war ins Koma gefallen und nicht wieder aufgewacht, ein anderer war nach einer Kieferoperation entstellt.

Marga Elser lag zehn Tage im Koma. Zehn Tage, die sie zunächst verdrängte. Erst vor kurzem wurde sie daran erinnert, wie überhaupt ihr Beruf sie immer wieder geradezu zwingt, an damals zu denken: Als Mitglied des Gesundheitsausschusses besuchte sie eine Pflegegruppe für Wachkomapatienten, und dort erzählte ein Mann, wie er im Koma in einem mittelalterlichen Schlachtgemälde gefangen gewesen war. Erst da fiel ihr wieder ein, wie sie es selbst erlebt hatte. "Ich war in Afrika", sagt sie. "Ich war mitten auf einem Basar." Sie habe nur regungslos dagelegen und sich umgeschaut. Marga Elser lächelt jetzt, als könne sie es selbst nicht glauben. Kurioserweise war sie kurz vor ihrer Operation wirklich in Afrika. Als "stellvertretende Vorsitzende der Parlamentariergruppe für die Beziehungen zu den Staaten West- und Zentralafrikas" besuchte sie den Tschad, Benin, Nigeria. Im Tschad waren sie so von ihr begeistert, dass dort jetzt eine Straße den Namen "Avenue Marga Elser" trägt.

Als Marga Elser nach zehn Tagen wieder zu sich kam, hatte sie keine Fragen. Sie wollte nicht wissen, wo sie war, und auch nicht, was sie dort machte. Wahrscheinlich war es einfach zu viel. Sie konnte nicht laufen und kaum sprechen. Ihre Familie stand um ihr Bett und wartete: "So arg viel Kommunikation war da nischt", sagt sie. Sie sagt immer solche Sätze, ein wenig selbstironisch und amüsiert. Ist doch alles nicht so schlimm. Sie sortiert die Stifte auf ihrem Schreibtisch in eine andere Reihenfolge. Manchmal wirkt Marga Elser, als könne sie bis heute nicht begreifen, dass das wirklich ihr passiert ist - ihr, die vorher niemals krank war. Zwei Mal war sie in ihrem Leben im Krankenhaus gewesen: mit 15, als sie ihren Blinddarm verlor, und bei der Geburt ihres ersten Sohnes.

Die erste Rede

In Marga Elsers Leben verlief bis dahin immer alles nach den Regeln der Logik, es gab keinen Platz für Unvorhersehbares. Sie wohnt immer noch in der Stadt, Lorch im Ostalbkreis, in der sie geboren wurde. Sie arbeitete 38 Jahre lang als Abteilungsleiterin in einem Briefmarkenversand, sie trat Anfang der 70er Jahre in die Partei ein. Zwanzig Jahre lang machte sie in Lorch Kommunalpolitik: als Stadträtin, als Kreisrätin, als SPD-Fraktionsvorsitzende. "Als Stadträtin kam niemand an mir vorbei", sagt sie - sie hat die kleine Macht genossen. Und ausgerechnet ihr passiert so etwas. Sie, die immer anderen geholfen hatte, musste - auf fremde Hilfe angewiesen - in der Reha-Klinik wieder laufen lernen. Schon am Ende der zweiten Woche konnte sie ein paar Schritte gehen. Marga Elser wollte schnell wieder die Frau werden, die sie vorher war. "Ich möchte noch nicht abtreten", sagt sie und meint damit die Politik. Wahrscheinlich hat ihr Ehrgeiz sie so rasch geheilt. Schon im Oktober kehrte sie nach Hause zurück. Niemand hätte damals gedacht, dass sie eines Tages wieder Reden im Bundestag halten würde.

Am Anfang saß sie ihrem Mann gegenüber und versuchte zu schreiben, nicht mal ihr eigener Name gelang ihr. Im Kopf wusste sie genau, wie es ging, nur ihre Hand verhielt sich wie ein fremder Gegenstand und malte unlesbares Gekrakel auf das Papier. Erst später, wieder in Berlin, rief sie eines Tages ihre Bürochefin: "Hannelore, ich kann wieder meine Unterschrift."

In der Politik blieb ihre Schwäche nicht unbemerkt. Auch wenn Marga Elser nur drei Sitzungswochen des Bundestags versäumt hat. Von November 2000 an saß sie wieder in ihrem Büro. Sie konnte nicht gut reden am Anfang. Noch heute macht sie oft Pausen im Gespräch, weil sie nach dem richtigen Wort suchen muss. "Wortfindungsstörungen", sagt sie kurz. In den Ausschüssen hat sie dann meist geschwiegen, aus Furcht vor Peinlichkeiten. Aber wer nichts sagt, wird schnell vergessen. Ihr fiel auf, dass die Kollegen sie plötzlich anders behandelten - sie schonten, ihr aus Rücksicht nicht mehr so viel zumuteten. Mitleid kann gnadenlos sein. Marga Elser sieht heute noch irritiert aus, als sie das erzählt. Damit hatte sie nicht gerechnet.

Je besser es ihr ging, umso ernster nahmen ihre Kollegen sie wieder. Im März hielt sie ihre erste Rede im Bundestag. Sie hatte ein Manuskript und sich ein paar Stichpunkte für den Ernstfall notiert. Ironie des Schicksals: Nachdem sie selbst fast ein Pflegefall geworden wäre, sprach sie über das Pflegequalitätssicherungsgesetz, ein Gesetz, das sichern soll, dass Pflegebedürftige nicht nur "satt und sauber" sind, wie sie es nennt, sondern dass sich jemand mit ihnen beschäftigt, redet, sie nach ihren Möglichkeiten fördert. Das Problem ist nur, wer das kontrollieren soll. Die Rede ging gut. Marga Elser war wieder dabei. Rachegefühle gegen ihren früheren Arzt hegt sie nicht: "Das bringt doch nischt", sagt sie. Der Arzt wohnt inzwischen in Belgien und behandelt dort weiter. Jetzt sind die Gutachter dran; kommt es zum Prozess, will Marga Elser gegen ihn als Nebenklägerin auftreten.

Wird sie jemals wieder zum Zahnarzt gehen? Sie lacht. "Ich war schon." Nach der verpatzten Operation war das eingetreten, wovor sich Marga Elser am meisten gefürchtet hatte: zahnlos in der Öffentlichkeit zu sein. Furchtbar peinlich. Sie muss lachen, laut. Dann fand sie einen Arzt in der Schweiz. Er machte einen guten Eindruck: Es gab noch andere Patienten, sie musste nicht den Hintereingang nehmen, und er schickte erst nach der Behandlung die Rechnung. Die Implantate setzte er ohne Narkose ein. Alles ging gut. Jetzt trägt sie den Wert eines Mittelklassewagens im Mund. Alles hat wieder seine Ordnung.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar