Marjo Czaja und Franz Allert im Gespräch : „Gute Beispiele öffentlich machen“

Arbeitgeber müssen noch besser informiert werden, meinen die Initiatoren der Auszeichnung.

Mario Czaja (CDU) ist Senator für Gesundheit und Soziales in Berlin.
Mario Czaja (CDU) ist Senator für Gesundheit und Soziales in Berlin.Foto: promo

Herr Allert, der Integrationspreis wurde zum zehnten Mal verliehen. Hat er die erhoffte Signalwirkung entfaltet, also Betrieben gezeigt, dass sich die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung lohnt?
Franz Allert: Ich denke ja. Wir hatten in den ersten Jahren zwischen sechs und 20 Bewerbungen, diesmal sind es 65. Das zeigt, dass immer mehr Unternehmen engagiert und bereit sind, ihre guten Beispiele in die Öffentlichkeit zu tragen.

2012 wurden die Preise erstmals in den Kategorien „Kleinunternehmen“, „Mittelstand“ und „Großunternehmen“ vergeben. Warum diese Aufteilung?
Allert: Wir haben gemerkt, dass es schwierig ist, den kleinen Handwerksbetrieb mit zwei, drei Beschäftigten mit Großunternehmen mit mehreren tausend Beschäftigten zu vergleichen. Durch die neue Einteilung in Kategorien können wir das Engagement der Betriebe gerechter bewerten. Ein Sonderpreis geht an ein Unternehmen, das sich besonders nachhaltig über viele Jahre für behinderte Menschen engagiert hat.

Herr Czaja, ab 2013 wird der Preis „Inklusionspreis“ heißen. Warum?
Mario Czaja: Damit werden wir der heutigen Zielsetzung der Behindertenpolitik gerecht. Es geht nicht mehr nur darum, Behinderte in unsere Gesellschaft zu integrieren, sondern allen Menschen von vornherein die uneingeschränkte Teilhabe zu ermöglichen. Und da dies für das Arbeitsleben in besonderem Maße gilt, haben wir uns entschieden, den Namen des Preises anzupassen.

Franz Allert ist Präsident des Berliner Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso).
Franz Allert ist Präsident des Berliner Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso).Foto: promo

Im vergangenen Jahr startete die „Initiative Inklusion“. Bis 2016 stellt der Bund den Ländern  100 Millionen Euro zur Verfügung, um die Beschäftigung behinderter Menschen zu fördern. Welche Maßnahmen sind für Berlin geplant?
Czaja: Es geht darum, mehr schwerbehinderten Menschen den Weg in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu ebnen. Die Initiative baut dafür auf drei Säulen: Berufsorientierung, Förderung von Ausbildungsplätzen sowie Arbeitsplätze für ältere schwerbehinderte Menschen. Mit der Berufsorientierung wollen wir frühzeitig in der Schule bekannt machen, welche Möglichkeiten es gibt, einen Arbeitsplatz zu finden. Durch Praktika sollen Jugendliche mit Behinderung Betriebe kennenlernen – und umgekehrt. So erfahren beide Seiten, wie der berufliche Alltag mit Behinderung bewältigt werden kann.

Allert: Auch um ältere Arbeitnehmer werden wir verstärkt werben. Hier müssen wir noch effektiver mit der Regionaldirektion der Arbeitsagentur und den Jobcentern zusammenarbeiten. Ältere Menschen haben es ohnehin schwer, nach einer Erwerbslosigkeit ins Arbeitsleben zurückzukehren – und erst recht, wenn eine Behinderung hinzukommt. Ihnen müssen wir mehr Chancen eröffnen.

Betriebe, die aufgrund ihrer Größe zur Beschäftigung Schwerbehinderter verpflichtet wären, können sich durch die Ausgleichsabgabe „freikaufen“. Sollte es eine feste Quote ohne diese Hintertür geben?
Czaja: Nein, die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung funktioniert nur, wenn das Unternehmen wirklich dahintersteht. Alles andere wäre für beide Seiten nicht zielführend – für den Arbeitnehmer wäre es im Zweifel sogar die größere Diskriminierung, nur aufgrund einer gesetzlichen Verpflichtung eingestellt worden zu sein. Was funktioniert, ist die Aufklärung über die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung; das ist auch ein wichtiges Ziel dieses Preises. Die Ausgleichsabgabe ermöglicht uns diese dringend notwendige Aufklärungsarbeit und die verstärkte Unterstützung derjenigen, die wirklich bereit sind, sich für die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen zu engagieren.

Allert: Wir müssen deutlich machen, dass kein Betrieb mit Problemen, die er mit schwerbehinderten Beschäftigten hat, alleine gelassen wird. Das Integrationsamt und die Integrationsfachdienste beraten, begleiten und helfen dabei, Lösungen zu finden. Diese Unterstützung müssen wir noch bekannter machen, zum Beispiel durch Informationsveranstaltungen.

Der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung Hubert Hüppe kritisiert den Dschungel an Programmen, Einrichtungen und Zuständigkeiten, der die Beschäftigung behinderter Arbeitnehmer wenig attraktiv mache. Zu Recht?
Allert: Erster Ansprechpartner für Arbeitgeber ist das Integrationsamt. In der Tat gibt es allerdings gesetzliche Regelungen, die besagen, dass wir nur nachrangig tätig werden dürfen, zumindest wenn Menschen noch im Berufsleben stehen. Dann sind die Reha-Träger wie Renten- und Unfallversicherung zuständig. Das würden sich Arbeitgeber vermutlich einfacher wünschen; es ist aber den verschiedenen Zuständigkeiten in einem föderalen System geschuldet.

Oft sind für Arbeitgeber persönliche Begegnungen und Erlebnisse die Initialzündung, um Menschen mit Behinderung in ihrem Unternehmen eine Chance zu geben. Was können wir dafür tun, dass solche Begegnungen im Alltag häufiger werden?
Czaja: In allen gesellschaftlichen Bereichen, vom öffentlichen Nahverkehr bis zur Schule, muss Inklusion gelebt werden. Gehen Menschen mit Behinderung dagegen ausschließlich in Förderschulen und arbeiten später ausschließlich in Behindertenwerkstätten, werden diese wichtigen Begegnungen selten bleiben.

Allert: Vorbehalte bauen wir beispielsweise auch mit Veranstaltungen ab, bei denen wir Best Practice Unternehmen vorstellen. Je mehr wir die Beschäftigung behinderter Menschen thematisieren und zeigen, wie vielfältig auch das Unterstützungssystem ist, desto aufgeschlossener werden die Unternehmen diesen Weg beschreiten.

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