Zeitung Heute : Mark des Lebens

Markus Heggen hat vor zwei Jahren Stammzellen gespendet und damit ein Kind vor dem Tod bewahrt. Nun treffen sich die beiden zum ersten Mal

Ingo Bach

Lebensretter? Nein, ein Lebensretter sei er nicht. Markus Heggen sinkt tiefer in den Ohrensessel, der in der Ecke des Cafés steht. Zerbrechlich wirkt der 25-Jährige plötzlich. Die gegelten Haare streben nach oben, machen das jungenhafte Gesicht noch schmaler. „Ich finde, das Wort Lebensspender passt besser.“ Schließlich sei er nicht in einen Fluss gesprungen, um einen Ertrinkenden zu retten.

Markus Heggen, Politikstudent in Berlin, hat 2002 einem Jungen Stammzellen gespendet. Er wird ihn am Wochenende zum ersten Mal treffen.

Die Knochenmarkspende gilt als einzige Heilungsmethode für den lebensgefährlichen Immundefekt Wiskott-Aldrich-Syndrom, eine Krankheit, die fast nur Jungen trifft. Die Stammzellen lassen neue Immunzellen und Blutplättchen wachsen. Dies ist auch nötig bei Leukämiepatienten, deren eigene weiße Blutkörperchen unkontrolliert wuchern und deshalb zerstört werden müssen.

Einen Zufall nennt Heggen die Tatsache, dass er mit dem Patienten genetisch so viele Gemeinsamkeiten hatte. Die Chance steht im günstigen Fall bei eins zu 20000, im ungünstigen bei eins zu mehreren Millionen. „Da kann man doch nicht stolz sein, eher glücklich, dass man zufällig der Richtige war.“

Sein genetischer Zwilling – Heggen benutzt dieses Wort gern, es beschreibt die besondere Verbindung der beiden – heißt Justus und wohnt in Radebeul bei Dresden, er ist fünf Jahre alt. Aber das weiß Heggen erst seit drei Monaten. Denn mindestens zwei Jahre müssen vergehen, bis Spender und Empfänger mehr übereinander erfahren dürfen, als dass die Spende geklappt hat. Diese Zeit sei nötig, aus datenschutzrechtlichen Gründen, sagen sie bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei in Tübingen. Sie haben die Spende vermittelt. Manche wünschen sich dann auch ein persönliches Treffen – so wie Markus Heggen. Am Sonntag wird er Justus kennen lernen, auf neutralem Boden in einem Restaurant in Berlin. Die Eltern werden dabei sein. Wird der Junge begreifen, wer da vor ihm sitzt? „Da kommt so ein Onkel und will mit mir reden“, so stellt sich Heggen die Reaktion des Kleinen vor.

Also die Eltern. Wie soll man mit ihrer Dankbarkeit umgehen? Am besten gar nicht. „Ich will gar keine Dankbarkeit“, sagt Heggen. Aber dann sagt er doch, dass er schon auf ein Zeichen der Eltern gewartet habe, auf eine anonyme Karte, wie es ihrem Kind geht – denn das wäre auch während der Karenzzeit über die Deutsche Knochenmarkspenderdatei möglich gewesen. „Wahrscheinlich wollten sie einen Schlussstrich unter diese lange Zeit von Krankheit und Sorge ziehen“, sagt Markus Heggen. Jetzt ist endlich Gelegenheit, einiges über Justus zu erfahren.

Heggen war schon 1998 in die Spenderdatei aufgenommen worden: In seinem Heimatort bei Paderborn hatte man dringend nach Spendern für ein leukämiekrankes Kind gesucht. Aber für Heggen wurde es erst vier Jahre später ernst, da machte der Zufall der Gene aus ihm und Justus so etwas wie ein Geschwisterpaar. Ein nicht ganz schmerzloser Prozess für Heggen. „Ich sollte mir fünf Tage lang täglich drei Spritzen setzen“, sagt er. Das injizierte Hormon regte das Knochenmark an, vermehrt Stammzellen ins Blut auszuschütten. Die Spritzen setzte seine Tante, eine Krankenschwester. „Ich hätte das niemals machen können.“ Dann lag Heggen vier Stunden im Krankenhaus auf einer Liege, die Arme weit abgespreizt, aus dem rechten zapften die Ärzte das Blut ab, wuschen in einer Zentrifuge die Stammzellen heraus und schickten den Rest auf der anderen Seite, am linken Arm, wieder zurück in Heggens Blutkreislauf.

„Jetzt wachsen in Justus’ Körper meine Stammzellen – sein ganzes Leben lang.“ Heggen stellt sich vor, wie er den Jungen umarmen wird am Sonntag. „Das ist ein bisschen, als ob man das erste Mal sein eigenes Kind in den Arm nimmt.“

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