Zeitung Heute : Marke mit Makel

Anselm Waldermann

Bei der Sitzung des VolkswagenAufsichtsrates geht es auch um die Sanierung der Kernmarke VW. Dabei könnten bis zu 20 000 Stellen abgebaut werden. Warum produziert VW teurer als andere Autohersteller?


1,1 Milliarden Euro – das ist der Gewinn, den Volkswagen im vergangenen Jahr erwirtschaftet hat. Die Summe entspricht einem Plus zum Vorjahr von 60 Prozent. Also alles in bester Ordnung, könnte man meinen. Doch in Wahrheit ist es um den größten Autobauer Europas nicht gut bestellt. Besonders drastisch formuliert das Markenchef Wolfgang Bernhard: Für Volkswagen gehe es „ums Überleben“.

Ein Problem ist, dass nur wenige Konzernbereiche profitabel wirtschaften. So hat Volkswagen den Gewinnsprung vor allem der Tochter Audi und der Finanzsparte zu verdanken – die Kernmarke VW hingegen schrammte nur knapp an den roten Zahlen vorbei. Auch die spanische Tochter Seat bereitet den Wolfsburgern Kopfzerbrechen. Trotz Milliardenkosten bei der Sanierung bleibt sie im Minus. Die Strategie, die einstige Billigmarke als sportliches Einsteigerauto für künftige Audi-Generationen zu etablieren, ging bislang nicht auf.

Besondere Schwierigkeiten machen auch die Luxusmarken: Unter der Vorliebe des ehemaligen Konzern- und jetzigen Aufsichtsratschefs Ferdinand Piëch für teure Autos leidet Volkswagen noch heute. Neben dem Kauf der verlustträchtigen Marke Lamborghini erreichte auch die Limousine Phaeton nicht die Absatzzahlen, die sich VW erträumt hatte.

Erschwerend kommt hinzu, dass viele Wettbewerber die Fertigung von Einzelkomponenten an Zulieferer ausgelagert haben. VW hingegen beschäftigt in seinen konzerneigenen Komponentenwerken rund 30 000 Mitarbeiter. Die Werke gelten als nicht konkurrenzfähig.

Der Knackpunkt aber sind die Produktionskosten bei der Kernmarke VW. Während Konkurrenten teilweise nur 25 Stunden benötigen, um ein Auto zusammenzubauen, braucht Volkswagen dafür die doppelte Zeit. Zugleich verdienen die Beschäftigten der sechs westdeutschen Werke bis zu 20 Prozent über dem sonst üblichen Metall-Tarif. Außerdem arbeiten sie nur vier Tage (28,8 Stunden) in der Woche – der Metalltarifvertrag im Westen sieht eigentlich fünf Tage (35 Stunden) vor.

Um VW wieder fit zu machen, hat Markenchef Bernhard nun ein radikales Sanierungskonzept erarbeitet. Im Kern soll es dabei um die Rückkehr zur Fünf-Tage- Woche und den Abbau von 20 000 Stellen gehen. Ein wichtiges Wort hat aber noch der Aufsichtsrat mitzureden – und dort haben die Arbeitnehmer die Hälfte der Stimmen. Wie radikal die Kur tatsächlich ausfällt, ist deshalb noch offen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben