Zeitung Heute : Markt der Träume

Filme, Partys, Stars – und dann läuft auf der Berlinale auch noch das große Geschäft. Wie eine kleine Filmproduktion mitmischt

Annabel Wahba

Es ist kurz vor neun Uhr abends, als Gerhard Meixner die Verzweiflung packt. „Womit haben wir das verdient?“, fragt er sich. Die Müdigkeit der letzten Tage kann er nicht mehr weglächeln. Die Lider werden immer schwerer, und der sonst so gelassene 1-Meter-90-Mann sieht ein paar Zentimeter kleiner aus. In wenigen Minuten soll die Premiere beginnen. Er blickt auf die Menschenmassen, die gegen die verschlossenen Türen des Cinemaxx 3 drücken. Eigentlich sollte hier, eine Etage unterm Potsdamer Platz, „Der Lebensversicherer“ laufen, den Meixners Firma Razor produziert hat. Drei Jahre lang haben Razor und Regisseur Bülent Akinci an dem Film gearbeitet. Und dann das: Ein Toilettenrohr ist geplatzt, das Abwasser tropft von der Decke auf die Sitze von Saal 3.

Meixners Kollege Roman Paul steigt im grauen Anzug auf einen Tisch und schreit gegen das hundertfache Gemurmel an. Er bringt das Malheur auf die Formel: „Dies ist kein Scheißfilm“, und bittet das Publikum, sich auf Ersatzsäle zu verteilen.

Es ist Tag sechs der Berlinale, für die beiden Produzenten der große Tag: Im Publikum sitzen auch potenzielle Käufer ihres Films. Noch hat „Der Lebensversicherer“, der in der Perspektive Deutsches Kino läuft, keinen Verleih.

Berlinale, das heißt für die Zuschauer Stars und Filme gucken ohne Ende. Für die Branche ist das Festival ein hektischer Marktplatz, einer der wichtigsten der Welt. Produzenten werben um Partner und Fördergelder, Weltvertriebe verkaufen auf dem European Filmmarket Rechte an die Verleiher, die die Filme dann ins Kino bringen. Berlinale, das heißt für sie: Termine im 20-Minuten-Takt, Vertragsabschlüsse beim Frühstück, Blitz-Entscheidungen, bevor der Preis nach oben geht. Geschäfte machen im Schnelldurchlauf, wie an der Börse. „Spaß macht das nicht“, sagt ein Verleihchef.

Doch für die beiden Produzenten Meixner und Paul begann mit der Berlinale 2005 eine traumhafte Erfolgsgeschichte. Ihr erster großer Film, „Paradise Now“, lief im Wettbewerb. Niemand wusste, wie der Film über zwei palästinensische Selbstmordattentäter ankommen würde. Kollegen prophezeiten, er werde sich niemals in die USA verkaufen. Am Ende gewann er drei Preise, am letzten Tag des Festivals kam extra ein Vertreter von Warner angeflogen und kaufte die Rechte für Nordamerika und Großbritannien. Vor vier Wochen bekam „Paradise Now“ den Golden Globe für den besten fremdsprachigen Film und ist für den Oscar nominiert. Kollegen sprechen sie auf der Berlinale an, um zu gratulieren. Razor hat sich einen Namen gemacht, aber das heißt noch lange nicht, dass die Gelder für zukünftige Projekte von alleine fließen.

Sonntagmorgen, Tag vier der Berlinale. Roman Paul steigt die weißen Stufen im Foyer des Abgeordnetenhauses hoch, in der Hand einen Pappbecher mit Kaffee. Es ist halb zehn, Paul hat wenig geschlafen, gestern war die Premierenfeier von „Elementarteilchen“. Gleich beginnen die ersten Meetings. „Ich hätte in Espresso baden können, das würde mich auch nicht wacher machen.“

Die Berlinale hat die Stadtmitte in Beschlag genommen. Durch die Straßen fahren Shuttle-Busse mit roten Bären drauf, und der rote Teppich vor dem Berlinale-Palast strahlt selbst im Morgendunst schon etwas Glanz ab.

Von Sonntag bis Dienstag haben sich die Filmleute im altehrwürdigen Abgeordnetenhaus breit gemacht. Hier findet der Co-Production-Market statt. Firmen stellen ihre neuen Projekte vor und werben um Co-Produzenten. Der Raum, in dem sie sich treffen, sieht ein wenig aus wie eine Single-Bar. Auf jedem Tisch steht eine Nummer, dort verabreden sich die Interessenten. Roman Paul hat sich zuvor einige Projekte herausgesucht: Filme, von denen es manchmal nur eine erste Drehbuchfassung gibt. Die Gespräche klingen wie Plaudereien unter Bekannten. Eine spanische Produzentin erzählt, dass sie in einem Restaurant Marilyn Manson gesehen hat. Später will sie von Roman Paul wissen, wie das denn funktioniere mit der deutschen Filmförderung. Im Prinzip, sagt Paul, muss deutsches Geld auch in Deutschland ausgegeben werden. Man könne zum Beispiel die Postproduktion nach Deutschland legen und im Filmteam sollten Deutsche dabei sein.

Danach läuft Roman Paul rüber zum European Film Market im Martin-Gropius-Bau. Das Handy klingelt alle paar Minuten, es gibt Probleme mit der Untertitelung des „Lebensversicherers“, die Sorgenfalte auf seiner Stirn wird die nächsten Tage nicht mehr verschwinden.

Im Lichthof des spätklassizistischen Gropius-Baus drängen sich Weltvertriebe und Ländervereinigungen, um ihre Filme zu verkaufen. 254 Aussteller, fast hundert mehr als im letzten Jahr. Seitdem der American Film Market auf November verlegt wurde, ist der EFM der wichtigste Branchentreff des Frühjahrs, bevor Mitte Mai der Marché du Film in Cannes stattfindet. Der Markt in Berlin ist so beliebt, weil er gut strukturiert ist: Die Wege am Potsdamer Platz sind kurz, die Kinos, wo die so genannten Screenings für die Verleiher stattfinden, modern. Die Wichtigkeit des Ausstellers lässt sich an der Größe seines Standes ablesen. Die Vertretung des polnischen Films hat nur wenige Quadratmeter Platz, doch hier drängen sich die Besucher: Die Polen haben zum Empfang geladen, Wodka gratis.

Der französische Weltvertrieb Celluloid Dreams hingegen hat viel Platz. Celluloid ist mit drei Filmen im Wettbewerb vertreten, darunter Oskar Roehlers „Elementarteilchen“. Roman Paul lässt sich in einen der bequemen roten Filzsessel fallen. Einen Moment ausruhen. Neben seiner Arbeit als Produzent ist er für Celluloid Dreams als Einkäufer tätig. Er fährt zu Festivals und sieht sich nach erfolgversprechenden Filmen um. „Oft gehe ich da einfach nach meinem Gefühl“, sagt er.

„Du hast einen guten Riecher“, lobt ihn eine Kollegin im Vorbeigehen. Paul war beteiligt am Einkauf von „Elementarteilchen“. 2002 hatte er von einer französischen Verfilmung des Weltbestsellers von Houellebecq gehört. Es gab ein Drehbuch, aber der Film wurde nie gedreht. Als er dann in einer Zeitschrift las, dass Roehler das Buch verfilmen will, nahm Celluloid Dreams Kontakt auf zu ihm.

Einen Stock tiefer hat Bavaria International seinen Stand. Der Weltvertrieb hat drei Filme im Wettbewerb. Gerade hat Leiter Thorsten Schaumann hier wieder einen Vertrag für „Requiem“ geschlossen. Den Film von Hans-Christian Schmid hat er schon drei Tage vor der Premiere in mehr als sieben wichtige Regionen verkauft. Schaumann macht seine Geschäfte aber nicht nur am Marktstand und auf Festivals. „Manchmal kommt es vor, dass man sich in der Bar einigt“, sagt er. „Dann nehme ich einen Bierdeckel und schreibe die Eckdaten des Vertrags da drauf.“

Zum Mittagessen sind Roman Paul und Gerhard Meixner für ihr nächstes großes Projekt verabredet. Sie treffen sich mit einer Frau von der Filmförderung. Der israelische Co-Produzent des Films ist auch dabei. Es ist der erste „Pitch“ des geplanten Films „The Way to the Cat“, das erste Mal, dass sie ihn vorstellen: eine Liebesgeschichte zwischen zwei alten Menschen, Maximilian Schell wird eine der beiden Hauptrollen spielen. Paul hat endlich Zeit, nebenbei ein wenig zu essen. Die polnische Filmstiftung hat aufgetischt, es gibt Sauerkrautsalat und Piroggen.

Der Dame von der deutschen Filmstiftung scheint der geplante Film zu gefallen, Razor kann sich um eine Förderung bewerben. Am Ende fragt sie, ob die beiden schon passende Schuhe für die Oscar-Verleihung gekauft haben. Gerhard Meixner und Roman Paul schauen sich an. Was zieht man da eigentlich an? Lack oder feines Leder? Bei Lack sieht man den Staub gleich so, sagt Meixner.

Er wird im Kodak-Theater in Los Angeles alte Bekannte treffen. Denn für den Auslandsoscar ist neben „Sophie Scholl“ mit „Merry Christmas“ noch ein dritter Film mit deutscher Beteiligung nominiert. Meixner ist mit den Produzenten auf die Filmhochschule in München gegangen. Der 5. März wird für sie eine Art Klassentreffen in L. A. sein. Nur dass dann George Clooney, Joaquin Phoenix und Keira Knightley auch dabei sind.

Dienstag, der Nachmittag vor der Premiere, sechs Stunden vor dem Wasserrohrbruch. Paul und Meixner sitzen mit dem Team in der ZDF-Lounge zusammen. Der Fernsehsender ist Co-Produzent des „Lebensversicherers“. Es gibt frisch gepresste Säfte und Sashimi. Aber sie bekommen jetzt nicht viel runter. Die Männer tragen schon die Anzüge für den Abend. Gerhard Meixner geht mit Regisseur Bülent Akinci noch letzte Details durch: den Treffpunkt vor dem Film – die VW-Lounge – und die Liste, wer nach dem Film auf die Bühne gerufen wird.

Meixner wirkt entspannt, plaudert mit dem Hauptdarsteller. Auch der Regisseur sitzt ruhig da, die Baseballkappe ins Gesicht gezogen. Er weiß, wie hart das Filmgeschäft sein kann: Fällt sein Debüt „Der Lebensversicherer“ durch, hätte er es in Zukunft schwer, Geld für neue Filme zu bekommen. Aber daran mag er jetzt nicht denken. Kameramann Henner Besuch blickt angstvoll aus den braunen Augen: „Ich kann das alles noch gar nicht fassen.“

Acht Stunden später im Cinemaxx 1. Lang anhaltender Applaus. „Nun ist das Schlimmste hinter uns“, sagt Meixner. Bei der Premierenparty reibt er sich den Nacken, jetzt erst spürt er die Verspannungen der letzten Tage. „Auf dem Festival in Rio haben sie Massagestühle für die gestressten Filmleute.“ Zwei Uhr nachts, DJ Justine Electra legt Madonna auf. Ein Verleihchef gratuliert: „Ein guter Film!“ Am Morgen wird Razor erste Termine haben, bis Verträge abgeschlossen sind, kann es noch dauern. Gerhard Meixner und Roman Paul werden jetzt noch nicht nach Hause gehen: „Das ist doch unsere Party!“

Am Mittwoch läuft der Film zwei weitere Male, das Kino ist voll. Ein Zuschauer sagt, es sei der schönste , den er auf der Berlinale gesehen hat. Am Freitag wird „Der Lebensversicherer“ für den auf der Berlinale vergebenen Femina-Filmpreis nominiert. Und dann kam da noch ein Brief von Bürgermeister Klaus Wowereit ins Kreuzberger Büro von Razor. Er gratuliert zur Oscar-Nominierung und wünscht einen tollen Abend in L. A. Und zwar in „bester körperlicher Verfassung“. Als sie den Golden Globe gewannen, lag Meixner mit Blinddarmentzündung im Bett. Die Genesungswünsche können die beiden brauchen. Roman Pauls Knie steckt in einer Schiene. Bänderriss.

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