Zeitung Heute : Mars im Widder

Wie wir uns mit Hilfe von Sternbildern am Nachthimmel orientieren können

Thomas de Padova

Plötzlich gehört der Himmel mir allein. 9000 Sterne, viel mehr als man in einer klaren Winternacht mit bloßem Auge sehen kann! Und vor mir ein Pult voller blauer und roter Knöpfe.

Zaghaft blende ich mit einem Dimmer den Mond ein, dann die barocken Sternbilder. Vor der Tür telefoniert der Leiter des Planetariums, Jochen Rose, mit seinem Handy, während der Mond drinnen im Kuppelsaal allmählich in Fahrt kommt – und mit ihm das ganze Sternenkarussell.

Im Osten tauchen ständig neue Sterne auf, die des Westens sind im Sinken. Nur einen Stern kann der Zeitraffer nicht aus der Ruhe bringen. Er bleibt immer am selben Fleck, egal ob eine Nacht vergeht, ein Jahr oder ein Jahrhundert.

Ein bemerkenswerter Stern! Während alle anderen über den Nachthimmel fahren, weil sich unsere Erde in 24 Stunden einmal um ihre Achse dreht, steht er im Norden und bekommt von alldem nichts mit: der Polarstern, fünf Billiarden Kilometer von uns entfernt, doch einer der hellsten Sterne, weil er mit dem Licht von knapp 2000 Sonnen leuchtet. Die Pawnee-Indianer in Nebraska nannten ihn den „Stern, der nicht herumwandert“, Seefahrer richteten sich nach ihm.

„Wir leben in einem günstigen Zeitabschnitt, in dem der Polarstern dem Himmelspol am nächsten ist“, sagt Jochen Rose, als er ans Schaltpult zurückgekehrt ist. „Die Rotationsachse der Erde zeigt fast genau auf ihn.“ Stünde über dem Südpol ebenfalls ein heller Stern im Zenit, könnte man die Drehachse unseres Globus zwischen dem südlichen und nördlichen Polarstern einspannen. Doch die entsprechende Stelle am Südhimmel ist dunkel.

Der Polarstern ist leicht zu finden. Man braucht dazu nur den Großen Wagen, das bekannteste Sternbild. Es geht in unseren Breiten nie unter. Bei klarem Himmel sehen wir die sieben Sterne des Wagens im Norden, alle 24 Stunden umrunden sie den Polarstern wie die Zeiger einer Uhr. Verlängert man die hintere Wand des Wagens fünf Mal, trifft man auf den Polarstern.

Selbst der Großstädter könnte am Großen Wagen die ungefähre Zeit ablesen. Zwar ist der Himmel über Berlin längst nicht mehr dunkel genug, dass die Milchstraße ihr wundervolles Licht entfalten könnte. „Aber der Berliner Himmel verwirrt auch nicht durch eine Vielzahl von Sternen“, sagt Rose, der es im Planetarium mit einem Gewimmel von Statisten zu tun hat. „Man sieht immer nur die hellsten.“ Den Großen Wagen, Kassiopeia (das Himmels-W), Orion zur Winterzeit. Darin erschöpfen sich die Kenntnisse der meisten von uns auch schon. Es sind einfach zu viele Sterne. Ist nicht einer wie der andere? Wann soll man wo nach welchem Sternbild suchen?

Von heute an möchten wir jeden Mittwoch und Sonnabend ein Stück des Himmels erkunden. Wir laden Sie ein zu einer Reise durch die Sternbilder des Tierkreises, illustriert mit den Zeichnungen von Johann Elert Bode, der vor 200 Jahren zwei der großartigsten Sternenatlanten veröffentlichte: die „Vorstellung der Gestirne“ und die „Uranographia“. In jeder Folge unserer Serie zeigen wir Ausschnitte hieraus (siehe nächste Seite) und gehen der Frage nach, welche Bedeutung den Sternen und ihren Bildern heute noch in der Forschung und in unserem Leben zukommt.

Bode war Direktor der Berliner Sternwarte. Sein großer Sternenatlas enthielt 17 000 Sterne, darunter erstmals so gut wie alle, die mit bloßem Auge zu sehen sind. Der Kartograph verteilte sie auf mehr als 100 Sternbilder. Inzwischen ist deren Zahl international auf 88 festgelegt worden. Mehr als die Hälfte davon sind uns seit einigen Tausend Jahren überliefert, so auch die Sternbilder des Tierkreises: Widder, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe, Jungfrau, Waage, Skorpion, Schütze, Steinbock, Wassermann und Fische. Ihre Sterne haben die Positionen beibehalten, als wären sie an der Himmelskugel fixiert.

Anders die Planeten: Sie sind der Erde so nah, dass man sie schon von einer Woche zur nächsten an einer etwas anderen Stelle findet. Und während die Sterne über die gesamte Himmelskugel verteilt sind, laufen die Planeten alle in einer Ebene um die Sonne. Wir sehen sie auf einem schmalen Gürtel: dem Tierkreis. „Er ist die Rennbahn der Planeten“, sagt Rose und erläutert, dass zu den Tierkreis-Sternbildern nach neuerer Einteilung neben den zwölf genannten ein dreizehntes gehört: der Schlangenträger. Seine Füße stehen zwischen Skorpion und Schütze. „Traditionell wird er jedoch nicht dazugerechnet.“

Die Sternbilder markieren unterschiedlich große Abschnitte auf dem Tierkreis. Einige sind größer, andere kleiner. Trotzdem unterteilen Astrologen den Tierkreis in zwölf gleich große Segmente und erhalten so die Tierkreiszeichen. Diese haben ein ziemlich labiles Verhältnis zu jenen Sternbildern, in denen die Sonne zur jeweiligen Jahreszeit steht. Sie weichen inzwischen etwa um ein ganzes Sternzeichen, also um rund einen Monat, davon ab.

In der astrologischen Einteilung ist unberücksichtigt geblieben, dass die Erdachse in 26 000 Jahren eine Kreiselbewegung vollführt. Deshalb wird der Polarstern in wenigen Tausend Jahren nicht mehr genau im Norden liegen. Auch auf dem Tierkreis hat es schon Verschiebungen gegeben:

Stand die Sonne vor gut 2500 Jahren zu Frühlingsanfang noch im Sternbild Widder, befindet sie sich heute in den Fischen und wandert weiter zum Wassermann. Sie wechselt im Schnitt alle 2166 Jahre zu Frühlingsbeginn das Sternbild und kommt erst nach 26 000 Jahren wieder am „Widderpunkt“ an. Wenn heute jemand davon spricht, er sei im Zeichen des Widders geboren, dann meint er damit zwar traditionell den Zeitraum vom 21. März bis zum 20. April, die Sonne steht aber heute erst vom 18. April an bis zum 13. Mai im Sternbild Widder.

Anders als noch zur Zeit der alten Griechen stimmen die Tierkreiszeichen und die von der Sonne durchlaufenen Sternbilder nicht mehr überein. Westliche Astrologen betrachten den Tierkreis als reinen „Messkreis“ und sprechen vom „tropischen Tierkreis“. Zur Begründung für diese Abkoppelung von den sichtbaren Gegebenheiten heißt es im Grundsatzpapier astrologischer Vereinigungen: „Die in Jahrtausenden gewonnene Erfahrung hat gezeigt, dass die Stellung der Gestirne unseres Sonnensystems im tropischen Tierkreis zu treffenderen Deutungen führt.“

Die Wanderung des Widderpunktes spielt für sie jedoch in anderer Hinsicht sehr wohl eine Rolle. Sie werde „mit epochalen Veränderungen auf der Erde in Verbindung gebracht“, heißt es – eine Brücke zur New-Age-Bewegung, die einen „neuen Menschen“ im heraufziehenden „Zeitalter des Wassermanns“ prophezeite.

Jochen Rose blendet den Tierkreis aus und projiziert den Lauf der Gestirne für die Nacht des 7. Dezember an die Kuppel des Planetariums am Insulaner, das wir in dieser Serie neben anderen Astronomie- und Raumfahrteinrichtungen vorstellen möchten (siehe übernächste Seite). Ein meterhoher Projektor wirft die Lichtpunkte an die Decke, der Besucher legt im Kippsessel den Kopf zurück und taucht in den Himmel ein:

Nachdem die Sonne bereits vor 16 Uhr untergegangen ist, strahlt der Himmel so brillant, wie ihn die alten Griechen gesehen haben. Der Polarstern, der Große Wagen, Andromeda, sie alle sind im Norden an ihrem Platz. Als auffälligstes Objekt aber steigt der Mars über dem Horizont auf.

Der Planet steht gegenwärtig im Widder und ist der hellste Lichtpunkt am späten Abendhimmel. Wer die Gelegenheit hat, ihn in diesen Wochen mit dem Teleskop zu betrachten, sollte sie nutzen. So nah wie jetzt ist uns der Mars nur alle zwei Jahre. Gegen 21 Uhr 20, wenn Sirius im Osten aufgeht, um ihm Konkurrenz zu machen, erreicht er im Süden seinen Zenit.

Vor zwei Jahren schwenkte erstmals eine europäische Raumsonde in eine Umlaufbahn um den Mars ein. Sie kreist noch heute um den Planeten und schickt uns Bilder von seinen Canyons, Vulkanen und Polargebieten. Sie kommen uns seltsam vertraut vor. Derzeit herrscht auch auf der Nordhalbkugel des Mars Winter. Sein Nordpol ist selbst von der Erde aus als kleine, helle Eiskappe zu sehen, das Eis am Südpol hat sich zurückgezogen. Mit einem guten Teleskop können wir den Wechsel seiner Jahreszeiten über Millionen Kilometer hinweg erkennen!

Auch der Saturn ist derzeit gut beobachtbar. Der Ringplanet hält sich im Sternbild Krebs auf, von dem in dieser Serie noch die Rede sein wird. Dort haben Forscher das größte bisher bekannte Planetensystem fernab der Sonne entdeckt, und wir werden einen Blick in einen womöglich lebensfreundlichen Bereich dieses Systems werfen.

Die Reise durch die Sternbilder wird uns immer wieder mit dem Fremden konfrontieren, mit dem, was außerhalb unserer Alltagserfahrung, was jenseits des Sonnensystems liegt. Auch damit, dass wir die Welt nur unvollständig begreifen. Vor uns liegt das ganze Universum.

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