Zeitung Heute : Marsch auf Kiew

„Jusch-tschen-ko“, so feierten sie in der Nacht den Wahlsieger. Doch am Morgen war plötzlich Janukowitsch Präsident der Ukraine

Thomas Roser[Kiew]

Orangefarbene Schleifen schmücken Wintermäntel und Regenjacken. Orange sind Arm- und Stirnbänder der Massen, die bereits am frühen Montagmorgen zum Kiewer Unabhängigkeitsplatz ziehen. Orange leuchten die Fahnen, die über der aufgebrachten Menschenmenge flattern. Den sicher geglaubten Wahlsieg hatten die Anhänger von Oppositionschef Viktor Juschtschenko noch in der Nacht zuvor vor der Stahltribüne gefeiert, zu Rap-Rhythmen und Opernarien ausgelassen auf den Straßen getanzt.

Doch nun ist die Siegesfreude der eisigen Wahlnacht einer ebenso trotzigen wie entschlossenen Kampfbereitschaft gewichen. Lang gezogen und mit ohrenbetäubender Wucht skandieren Zehntausende den Namen ihres Hoffnungsträgers: „Jusch-tschen-ko — unser Präsident!“

Nichts hatten seine Gegner in den vergangenen drei Monaten unversucht gelassen, um dem 50-Jährigen den Einzug in den Kiewer Präsidentenpalast zu verwehren. Flughäfen wurden gesperrt, Straßen abgeriegelt, Hallen geschlossen, um seine Wahlkampfveranstaltungen zu verhindern. Dann setzte den bis dahin kerngesunden Oppositionschef Anfang September eine mysteriöse Magenerkrankung fast drei Wochen außer Gefecht. Von einem Giftanschlag war die Rede. Doch wie beim ersten Wahlgang vor drei Wochen hatten auch in der Stichwahl am Sonntag fast alle Meinungsforschungsinstitute Juschtschenko mit großen Vorsprung zum voraussichtlichen Präsidenten erklärt. Doch als die Zentrale Wahlkommission am nächsten Morgen die ersten Ergebnisse veröffentlichte, rangierte der liberale Oppositionschef plötzlich deutlich hinter seinem Rivalen, dem von Moskau gestützten Premier Viktor Janukowitsch: Mit drei Prozent Vorsprung erklärte die Wahlkommission ihn am Montagnachmittag zum Sieger.

Müde wirken die rot geränderten Augen von Viktor Juschtschenko in seinem seit jenem mutmaßlichen Anschlag mit Pusteln überzogenen Gesicht. An Kampfeswillen lässt er es auch am Tag seiner vermeintlichen Niederlage nicht missen. „Bleibt, wo ihr seid!“, beschwört er seine Zuhörer und fordert sie zum nachhaltigen Widerstand gegen die „Fälschungen und Manipulationen“ bei der Stimmenauszählung auf. Die Ergebnisse aus den Hochburgen seines Rivalen, wo bei einer Wahlbeteiligung von 96 Prozent ein genauso hoher Anteil für den Premier gestimmt haben soll, bezeichnet Viktor Juschtschenko als „Gipfel des Zynismus“. Aus allen Teilen der Ukraine seien jetzt Tausende von Menschen mit „Zügen, Flugzeugen, Autos und Karren“ nach Kiew unterwegs: „Wir schaffen eine Bewegung des Bürgeraufruhrs. Unser Protest fängt jetzt erst an!“

„Mi i narod – wir sind das Volk!“, steht auf den Bannern der Demonstranten. Zu Hause habe er einfach nicht bleiben können, sagt der 25-jährige Igor Duganets, um die Schultern hat er sich eine Nationalflagge gelegt, und jetzt steht er hier mit den anderen Demonstranten auf dem Unabhängigkeitsplatz. „Wir sind nicht aggressiv, wir wollen keine Gewalt – aber eine andere Ukraine.“

Derweil vor dem Wahlquartier des Regierungschefs: In einer langen Reihe parken schwarze Luxuslimousinen. Drinnen starren junge Frauen mit blau-weißen Schals um den Hälsen angestrengt auf ihre Bildschirme. Von Siegesstimmung ist in der merkwürdig stillen Aula kaum etwas zu spüren. Beide Seiten hätten ein wenig geschummelt, das „gleicht sich aus“, sagt Tamara Proschukuratowa, Abgeordnete der Siegerpartei SDUP. Sie ist vom rechtmäßigen Erfolg des Premiers überzeugt: „Ich bin sicher, dass Janukowitsch als Präsident vereidigt werden wird.“

Die Wahl habe demokratische Kriterien nicht erfüllt, heißt es bei der Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit in Europa. Deshalb fühlen sich die Demonstranten in ihrem Protest bestärkt. Immer mehr kommen im Lauf des Montags in Kiew an. Und Juschtschenkos Verbündete Julia Timoschenka, die Ikone der Opposition, ruft mit sich überschlagender Stimme bereits zum Generalstreik im ganzen Land auf. Sie ruft: „Nun ist nicht die Zeit zu arbeiten, sondern es ist Zeit, die Ukraine zu verteidigen.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!