Zeitung Heute : Marsch in die falsche Richtung

Stephan Haselberger

Beim Wehrbeauftragten wurde inzwischen ein neuer Fall von Rekrutenmisshandlung angezeigt. Was wäre, wenn die Vorwürfe stimmen? Was ist eigentlich los bei der Bundeswehr?

Wenn es stimmt, was als Eingabe auf dem Tisch von Willfried Penner liegt, dem Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestags, dann war Coesfeld kein Einzelfall. Wie in der dortigen Freiherr-vom-Stein-Kaserne sollen auch Rekruten der Garnison im nordrhein-westfälischen Ahlen von ihren Ausbildern auf Nachtmärschen überfallen und anschließend brutalen Verhören unterzogen worden sein. Ob die jungen Soldaten am Standort des 192. Panzergrenadierbataillons im Kreis Warendorf bei den dortigen „Geiselhaft-Übungen“ ebenfalls gefesselt, geschlagen, mit Wasser bespritzt oder gar mit Stromstößen traktiert wurden, blieb am Freitag unklar. Aber „das Verfahren“, sagt der SPD-Wehrexperte Rainer Arnold, „war offenbar ähnlich wie in Coesfeld“.

Für Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) und die Bundeswehrführung stellt sich mit den neuerlichen Vorwürfen verstärkt die Frage nach der Ausbildungspraxis in der Truppe – und nach der Kontrolle der Ausbilder. „So etwas wie in Coesfeld entsteht nicht über Nacht“, glaubt Arnold. Derartige Übergriffe könnten nur zu Stande kommen, wenn Ausbildern von den jeweiligen Kompaniechefs über Jahre hinweg keine Grenzen gesetzt worden seien. „Das hat in Coesfeld gefehlt.“

Womöglich kommen in Kürze weitere Fälle von Übergriffen ans Tageslicht. Das Verteidigungsministerium hat die Teilstreitkräfte angewiesen, ihre Ausbildungspraxis auf Fehler zu überprüfen und Verstöße gegen die Vorschriften offen zu legen. Den Ausbildungsanweisungen zufolge dürfen Geiselnahmen nicht während der Grundausbildung geübt werden. Auch müssten Ärzte und Psychologen hinzugezogen werden, heißt es in Verteidigungsministerium. Der Bericht soll in der kommenden Woche vorliegen.

Ob die neue Rolle der Bundeswehr als Armee im internationalen Einsatz negativen Einfluss auf die Rekrutenausbildung hat, lässt Minister Struck derzeit vom Kommandeur des Bundeswehrzentrums für Innere Führung, Brigadegeneral Robert Bergmann, untersuchen. Die Union hält das für dringend geboten. „Es muss geklärt werden, wie das Selbstverständnis des Bundeswehrsoldaten als Staatsbürger in Uniform bei einer Armee im Einsatz aufrechterhalten werden kann“, verlangt ihr Wehrexperte Christian Schmidt (CSU). Arnold glaubt dagegen nicht an einen Zusammenhang. Misshandlungen wie in Coesfeld lägen nicht an Auslandseinsätzen, sondern an mangelnder Aufsicht.

Die Mitglieder des Verteidigungsausschusses des Bundestages haben jetzt Gelegenheit, sich ein Bild davon zu machen, wozu unkontrollierte Ausbilder in der Lage sein können. Das Verteidigungsministerium hat dem Ausschuss inzwischen erste Fotos zur Verfügung gestellt, die von den Schindern von Coesfeld selbst aufgenommen worden waren. Darauf sind Ausbilder zu sehen, die den Fuß auf den Körper eines am Boden liegenden, gefesselten Rekruten stellen und die Siegesfaust in die Höhe strecken.

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