Zeitung Heute : Marschieren? Ja, aber bitte kreativ!

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„Geht nach rechts! Nach rechts!“ empfiehlt ein neues Buch, dass in Amerika gerade für Diskussionen sorgt: Damit ist nichts Politisches gemeint, auch wenn einem das dank George W. Bush beim Stichwort USA als erstes einfällt. Nö, der Autor – ein gewisser Daniel H. Pink – hat sich mit den neuesten Erkenntnissen in der Hirnforschung beschäftigt und sich überlegt, was sie für unser Berufsleben bedeuten. Unsere linke Gehirnhälfte ist für Analyse und Inhalte zuständig und Eltern triezen ihre Kinder von jeher, die doch bitte gründlich zu trainieren. Die rechte Hälfte dagegen ist zuständig für Synthese und Gefühle und gilt traditionell als weniger wichtig auf dem Weg zu ansehnlichem Lebensstandard als Anwalt, Ingenieur, Steuerberater oder Offizier. Pink nun aber sagt: Das war einmal. Kompetenz ist klasse, reicht aber längst nicht mehr. Linkshirner, die präzise und schnell wie ein Computer funktionieren, werden ihre Jobs eher verlieren als diejenigen, die von Kreativität und Empathie leben – oder von der Fähigkeit, das Große Ganze zu sehen.

Pink argumentiert damit, dass gerade jeder zehnte HighTech-Job nach Asien abwandert und damit, dass die Aufgaben des Schalterpersonals in der Bank heute von großen Rechnern übernommen werden. Überdies habe die Dominanz der linken Hirnhälfte unsere Gesellschaft zwar reich gemacht, aber nicht unbedingt fröhlich. Kurz, schreibt Pink: „wir haben uns von einer Gesellschaft aus Bauern zu einer aus Industriearbeitern und dann zu einer aus Wissensarbeitern entwickelt. Und nun folgt eine aus Mit-Fühlern, Muster-Erkennern und Sinn-Herstellern.“ Junge Leute sollten also etwas tun, das im Ausland nicht billiger gemacht werden kann und das Computer nicht schneller können.

Falls Pink Recht hat, spricht das theoretisch durchaus für eine Karriere bei der Bundeswehr. Der Slogan „Auftrag: Frieden!“ ist ja schön rechtshirnig. Praktisch wird sich unsere Armee jedoch schwer tun mit dem Nachwuchs. Zu viel Befehl und zu wenig Kreativität im System. Der Wehrbeauftragte berichtet jedenfalls: Mehr Beschwerden aus der Truppe als zurzeit gab’s nie! Das mag viele Gründe haben, aber vielleicht liegt die Unzufriedenheit ja mit daran, dass sich junge Sinn-Hersteller bei der Bundeswehr fehl am Platze und schlecht für die Zukunft vorbereitet fühlen. Natürlich kann beim Militär nicht jeder machen, was er will – kreatives Marschieren ist ähnlich hilfreich wie kreative Buchführung. Dennoch wird man sich für die „Bürger in Uniform“ ein neues Muster der Sinnstiftung ausdenken müssen. „Konfliktvermeidung, Krisenbewältigung und Verteidigung“ passen nicht in eine Welt nach Pinks Zuschnitt, eher schon „helfen, schützen und aufbauen.“

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