Marteinstein : S-Bahn-Chefs, erfolgreich wie eine Armee

Harald Martenstein

Ein paar Jahre lang sah es beinahe so aus, als ob Berlin, die alte Skandalnudel, eine normale Großstadt geworden wäre. Jetzt hält die Geschichte für Berlin wieder heroische Momente bereit. Denn dass in einer europäischen Millionenstadt der öffentliche Nahverkehr zusammenbricht, nicht etwa infolge von Streik oder Krieg, sondern einfach nur durch Missmanagement, so etwas kommt, historisch gesehen, ähnlich selten vor wie die Teilung einer Millionenstadt durch eine Mauer. Wir sind wieder wer! Die „Süddeutsche Zeitung“ spricht von „indischen Verhältnissen“, die im Berliner Nahverkehr herrschen.

1945, bei der letzten vergleichbaren S-Bahn-Krise, verkehrten die Züge bis zum 25. April, wenige Tage vor der Kapitulation, trotz ständiger Luftangriffe und trotz Artilleriebeschuss. Am 25. April 1945 waren 75 Prozent der Wagen wegen der Russen nicht mehr funktionsfähig. Heute sind 70 Prozent der Wagen wegen des Managements nicht mehr funktionsfähig. Das heißt, die Auswirkungen des ehemaligen Bahnchefs Mehdorn auf den Berliner Nahverkehr sind, rein quantitativ, durchaus mit den Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges zu vergleichen. Denn im Hintergrund der S-Bahn-Katastrophe stehen ja die Pläne Mehdorns, die Bahn durch rücksichtslosen Kampf bis zum letzten Fahrgast hochprofitabel zu machen. Unsere Radsatzwellen brechen, unsere Börsenpläne nie! Alle Räder stehen still, weil Mehdorn an die Börse will. Besonders faszinierend ist der Gedanke, dass Berlin, obwohl extrem verschuldet, die S-Bahn mit hohen Millionenbeträgen aus Steuermitteln subventioniert hat, während die S-Bahn gleichzeitig Gewinne an ihren Mutterkonzern überwiesen hat. Was wird eigentlich aus diesem Steuergeld? Ist „Betrug“ das richtige Wort, oder muss man das irgendwie anders nennen?

Um die Berliner S-Bahn im April 1945 zum Stehen zu bringen, benötigte die Rote Armee 2,5 Millionen Soldaten, 6000 Panzer, 7500 Flugzeuge und 10 000 Geschütze. Der Bahn ist das Gleiche durch den Einsatz von lediglich vier Managern gelungen. Gegen sie wird jetzt vom Staatsanwalt wegen „gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr“ ermittelt.

Was die vier Manager erreicht haben, war also möglicherweise illegal, aber es war zweifellos auch ein militärisches Wunder. Deswegen läge es nahe, die vier Manager nach Afghanistan zu schicken, damit sie dort, auf ihre bewährte Weise, diesmal aber völlig legal, die Infrastruktur, den Nachschub und die Versorgungswege der Taliban lahmlegen. Kein einziger Militärtransport der Taliban in Ost-West-Richtung erreicht mehr sein Ziel, genau wie bei der Berliner S-Bahn! Leider sind die vier Manager finanziell so gut versorgt, dass sie ein Engagement bei der Bundeswehr nicht nötig haben.

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