Martenstein : Der Staat verschenkt – nichts

Harald Martenstein

Nils und Bea Schmidt wollten, bevor die Krise ausbrach, im Jahre 2009 für 6000 Euro eine neue Küche kaufen und in zwei Jahren mit Hilfe eines Kredits für 22 000 Euro einen neuen Daimler, A-Klasse natürlich nur. Das war sozusagen ihre ökonomische Lebensplanung. Den alten Daimler, einen 200er, wollten sie noch mal über den TÜV bringen. Für die Werkstatt hätten sie schätzungsweise 1000 Euro hinlegen müssen. Nun kam die Abwrackprämie. 2500 Euro Abwrackprämie – großartig, endlich schenkt einem der Staat mal etwas, das muss man einfach mitnehmen.

Die Zukunft ist unsicher, sagte Bea Schmidt, Autofahren wird immer teurer, komm, wir kaufen uns, jetzt gleich, den Dacia aus Rumänien, der kostet nur 8000. Das ist ziemlich genau die Summe, die wir für die Küche gespart hatten, plus die Abwrackprämie. Die Küche verschieben wir. Nun kriegen eben nicht die Werkstatt in Reinickendorf und das Küchenstudio in Charlottenburg das Geld, sondern die Autofabrik in Rumänien.

2011 ging die Krise allmählich vorüber. Nils und Bea Schmidt hatten immer noch ihre Jobs, der Dacia fuhr gut. Jetzt standen in der Zeitung neue Hiobsbotschaften. Wegen der Krise, konkret gesagt, wegen solcher Maßnahmen wie der Abwrackprämie, sei die schon vor 2009 besorgniserregende Staatsverschuldung noch einmal enorm gestiegen. Außerdem seien die Steuereinnahmen gesunken, in der Krise seien nämlich bei vielen deutschen Betrieben die Umsätze stark zurückgegangen, vor allem die Autowerkstätten und die Küchenstudios würden klagen. Die Steuern wurden flächendeckend erhöht, und alle staatlichen Leistungen wurden ein weiteres Mal teurer – die Kita, die Stadtbibliothek, die U-Bahn, einfach alles. Außerdem stiegen auch in den Läden die Preise, und wie. Um die Staatsverschuldung zu lindern, hatten überall auf der Welt die Regierungen einfach Geld gedruckt, vor allem in den USA. Die Folge war eine weltweite Inflation. Sie war gut für die Staaten, weil sie, wenn das Geld wertloser wurde, einen Teil ihrer Schulden los wurden. Für Nils und Bea Schmidt war die Inflation nicht gut. Sie hatten ja, weil der Dacia so billig war, kaum Schulden. Ihre Gehälter aber stiegen nicht halb so schnell wie die Preise. Sie gaben jeden Monat mehr aus, als sie einnahmen. Die alte Küche sah inzwischen schlimm aus.

Ich hätte es wissen müssen, sagte Bea Schmidt, der Staat schenkt einem nichts. Was er gibt, holt er sich doppelt zurück. Sollen wir einen Kredit aufnehmen? Nein, sagte Nils Schmidt. Schulden, da habe ich ein schlechtes Gefühl. Wir verkaufen den Dacia, wir können uns sowieso kein Auto mehr leisten. Sie bekamen 3500 Euro für den Dacia. Dafür gab es eine Küche bei Ikea. Und sie waren jetzt Fußgänger. Das alles hatte die Abwrackprämie bewirkt.

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