Martenstein : Herzlichen Glückwunsch, liebe Frauen!

Harald Martenstein

Kurz vor dem Internationalen Frauentag, der heute begangen wird, nahm ich an einer Lesung mit Diskussion teil, in einem Berliner Theater. Meiner Meinung nach gibt es heute fast nur noch starke Frauen, der Begriff „starke Frauen“ steht ja auch ständig in der Zeitung. Ich weiß, es gibt immer noch ein Lohngefälle und zu wenige Konzernchefinnen, aber ich glaube, um in den nächsten Jahren endlich Chefinnen zu werden, brauchen die Frauen meine Hilfe gar nicht mehr. Das schaffen sie schon alleine. Deswegen stellte ich zur Diskussion, ob man die alte Seemannsregel, nach der bei einem Schiffsuntergang die Frauen vor den Männern von Bord dürfen, nicht abschaffen solle. Diese Regel stammt aus einer Zeit, in der Frauen „das schwache Geschlecht“ hießen und stark unterprivilegiert waren, zum Trost wurden sie galant behandelt.

Die Regel „Frauen und Kinder zuerst“ erinnert an den Soli, der auch immer noch erhoben wird, obwohl die Straßen im Osten inzwischen besser sind als die Straßen im Westen. Ich sehe überhaupt nicht ein, wieso bei einer Schiffskatastrophe Angela Merkel vor Frank-Walter Steinmeier ins Boot darf, ich schätze, sie kann besser schwimmen als er. Überhaupt wird durch die Regel „Frauen und Kinder zuerst“ ausgerechnet die SPD stark benachteiligt, die sehr viel für die Emanzipation der Frau getan hat. Wenn bei der alljährlichen Schiffspartie der SPD der Dampfer untergeht, wird Andrea Ypsilanti gerettet, Müntefering vermutlich nicht. Ich will nicht wieder auf Frau Ypsilanti herumhacken, aber ich glaube, Müntefering ist für die SPD wichtiger. Bei Paaren, zum Beispiel auf Kreuzfahrtschiffen, sind die Männer auch fast immer älter als ihre Lebensgefährtinnen, ein älterer Mensch kann nicht mehr so lange schwimmen wie ein junger. „Alte und Kinder zuerst“ wäre eine humanere Regel.

Mein Diskussionspartner widersprach und sagte, die Regel „Frauen und Kinder zuerst“ hänge ursprünglich damit zusammen, dass Frauen für die Reproduktion der menschlichen Art wichtiger seien. Ich erwiderte, dass Männer, im Gegensatz zu Frauen, sich auch in älterem Zustand reproduzieren können, wenn es um Reproduktion gehe, dürften sowieso nur heterosexuelle Frauen vor der Menopause in die Rettungsboote.

Dann ließen wir das Publikum abstimmen. Die Hälfte war für, die andere Hälfte gegen die Regel „Frauen und Kinder zuerst“. Wir beschlossen, dass ein zufällig ausgewählter Besucher entscheiden dürfe, sozusagen als Kapitän. Es war ein weißbärtiger Herr, der tatsächlich dem Kapitän der „Titanic“ ein wenig ähnlich sah. Er sprach sich für „Frauen und Kinder zuerst“ aus.

Wir Männer gratulieren all unseren tüchtigen Frauen ganz herzlich zum heutigen Internationalen Frauentag.

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