Zeitung Heute : Martin Schmitt macht sein Zeug

Martin Hägele Benedikt Voigt

Martin Schmitt wollte gar nicht mehr aufstehen. In einer tiefen Hocke verharrte er nach seinem Sprung im Auslaufraum und starrte auf die Anzeigetafel. Er wusste nur, dass es ganz knapp werden würde. Der deutsche Skispringer war zwei Meter kürzer gesprungen als sein Konkurrent Janne Ahonen, die deutsche Mannschaft hatte fünf Punkte Vorsprung gehabt. Würde es reichen? "Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte", berichtete Schmitt, habe er in diesem Augenblick gedacht. 30 Sekunden später kam er erst recht nicht mehr vom Boden hoch, weil alle drei Kollegen auf ihm lagen. Danke.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Es ist doch noch Gold geworden für die deutschen Skispringer bei den Olympischen Spielen. "Das war nicht nur ein versöhnlicher Abschluss, sondern eine fantastische Olympiade", sagte Martin Schmitt. Sein Team lag am Ende im Mannschaftsspringen nur 0,1 Punkte vor Finnland. Im Skispringen ist das exakt eine Streichholzlänge. Knapper geht es nicht. "Wir waren heute im Endeffekt nicht besser, sondern glücklicher", sagte Schmitt. Nach dem Sturz von Sven Hannawald auf der Großschanze, der ihn die zweite Silbermedaille gekostet hatte, durften die deutschen Skispringer doch noch jubeln. "Ich bin absolut happy, mit zwei Medaillen nach Hause zu kommen", sagte Hannawald, "vielleicht musste ich Silber hergeben, um heute Gold zu gewinnnen." Der 27-Jährige hatte auf der Normalschanze als Zweiter ebenfalls eine Medaille gewonnen.

Seine Mannschaft ist zwar als Favorit in das Springen gegangen. Doch Hannawald schmerzte nach dem Sturz auf der Großschanze eine Sehne am Schienbein, und auch mit dem Rücken hatte er Probleme. Vor dem Wettbewerb musste er fitgespritzt werden. "Ich habe gewusst, dass dadurch nichts Großes rauskommen kann." Es reichte zu zwei, für seine Verhältnisse, mittelmäßigen Sprüngen auf 123 und 120,5 Meter. "Ich bin froh, dass die Mannschaft nicht immer auf meine Person angewiesen ist", sagte der 27-Jährige. Im Gegenteil, diesmal war er von seinen Kameraden abhängig.

Da waren zum Beispiel der 18-jährige Stephan Hocke, der erst im kommenden Jahr sein Abitur machen wird. "Vor dem zweiten Sprung hatte ich Herzflattern, der Druck war ganz schön groß", sagte Hocke. Doch mit seinen Sprüngen auf 118,5 und 119,5 Meter konnte er im Zweikampf gegen den Finnen Veli-Matti Lindström Punkte gutmachen. Die große Überraschung aber war der 23-jährige Michael Uhrmann. "Das ist schon grandios, wenn man bedenkt, dass ich vor zweieinhalb Wochen nur mit einem Bein in der Mannschaft war", sagte der Beamte des Bundesgrenzschutzes. Erst kurz vor den Olympischen Spielen hatten sich die Trainer für Uhrmann entschieden, der im vergangenen Jahr mit der Mannschaft bei der Weltmeisterschaft ebenfalls Platz eins belegt hatte. "Doch in diesem Jahr ging gar nichts", erinnert sich Uhrmann. "Ich habe aber gewusst, dass ich hier wieder in Form kommen kann." Mit Sprüngen auf 128 und 125 Meter rechtfertigte er das Vertrauen.

Und dann war da noch Martin Schmitt. "Er ist sensationell gesprungen", sagte Kotrainer Wolfgang Steiert. Schmitt lief im gesamten Winter seiner Form hinterher, doch sein erster Sprung auf 131,5 Meter legte den Grundstein für die Goldmedaille. "Olympia entschädigt für eine Saison, die nicht nach Plan gelaufen ist", sagte Schmitt. Um es mit Hannawald zu sagen: Schmitt machte sein Zeug. Am Vortag hatte er noch einmal seine Ski gewechselt, nun sprang er ein Paar, das weicher ist. "Die sind etwas lebhafter in der Luft", sagte der 24-Jährige, "der psychologische Effekt spielt dabei auch eine Rolle." Steiert glaubt sogar: "Der Skiwechsel war unsere einzige Chance, Gold zu gewinnen."

Dass es am Ende so knapp wurde, ließ den Kotrainer kalt. "Wir haben verdient gewonnen." Er war verärgert, dass dem Finnen Matti Hautamäki keine Punkte abgezogen wurden, obwohl der an der Sturzlinie hingefallen war. "Drei Meter vor der Sturzlinie", sagte Steiert. Es war jedoch nicht die Zeit für negative Gefühle. Bundestrainer Reinhard Hess zog sich sofort nach der Siegerehrung zurück. Er wollte allein sein. Steiert sagte: "Das muss man ihm zugestehen, er ist jetzt der erfolgreichste Trainer dieser Welt."

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