Zeitung Heute : Marwas letzte Schultage

Wer kann, verlässt Bagdad – wer nicht, übt sich in Hoffnung

Asne Seierstad[Bagdad]

Dienstagmorgen, die Iraker hatten im Radio gerade von der 48-Stunden-Frist für Saddam gehört, ist Marwa Nadja aus dem Haus gegangen. Nun ist es Mittag, die sechs Unterrichtsstunden sind vorbei, sie tritt mit ihren Freundinnen durchs Schultor auf die Straße. „Bis morgen“, rufen alle.

Marwa ist 15 Jahre alt, sie sagt: „Wir gehen in die Schule, egal ob Bomben fallen oder nicht.“ Und dass sie hoffe, die Stadt werde nicht zu sehr zerstört, sagt sie auch. Sie seufzt, und dann steigt sie in den Schulbus, setzt sich hin. Durchs Fenster sieht sie schwer beladene Autos, die die Stadt verlassen, geschlossene und leere Läden und die Stellungen der Soldaten an den Straßenecken.

Marwa steigt im Stadtteil Al Dourrin aus. Hier sind die Gassen so eng, dass man mit dem Auto nicht durchkommt. Im Rinnstein rennen die Kinder barfuß herum. Die Frauen tragen Schleier. Marwa lädt uns in ein typisches Bagdader Haus ein, mit einem überdachten Hof in der Mitte, von dem die Zimmer abgehen. Die wenigen Fenster sind mit Plastikfolie abgedeckt. Auf dem Speicher liegen riesige Säcke mit Reis, Mehl und Bohnen, alle Iraker haben eine Drei-Monats-Ration im Voraus bekommen. Hier wohnt Marwa mit ihrer Mutter, ihrem Vater, den vier Geschwistern, Onkel, Tante und drei Cousinen und Cousins.

Als wir eintreten, begrüßt uns der Vater, Najih Gabor, und hält die obligatorische Solidaritätseloge auf Saddam. Dann kommen seine Fragen. „Wieso die Spanier?“, will er wissen, als hätte ich eine Antwort darauf. „Ich frage mich, was wir denen getan haben“, sagt er. Rasja, die Mutter, erzählt später davon, was sie machen wird, wenn Bomben fallen. „Watte in die Ohren der Kinder“, sagt sie. „Es wird einen Heidenlärm geben. Man kann davon verrückt werden. Außerdem habe ich Schlaftabletten und Beruhigungsmittel für sie gekauft, damit sie sich von den fürchterlichen Dingen davonträumen können“, sagt Rasja. Sie werden zu Hause bleiben, sie hätten nicht vor zu fliehen. „Bei allen Verwandten außerhalb der Stadt sind die Häuser schon übervoll.“

Die Ausfallstraßen sind es auch. Am Vortag gab es sogar Stau ein paar Autostunden nördlich von Bagdad. In einem der Wagen saßen fünf Menschen dicht gedrängt, mit Reisetaschen, vollen Papiertüten und Kartons. Hinter einem Seitenfenster hing ein Kleid, unter der Rückbank verstaut lag eine Tüte Zitronen.

„Es war höchste Zeit zum Abreisen“, sagte der Mann hinterm Steuer. Er heißt Jasir, er ist das Oberhaupt der Familie, die dort beieinander hockte und wartete. „Wir sind auf dem Weg nach Syrien. Da können wir bei Verwandten wohnen, bis die Sache ausgestanden ist.“ Seine Familie, das sind seine Frau, die Schwiegermutter und die Kinder. Die Schwiegermutter rauchte. Sie inhalierte tief.

Vielleicht sind sie ja schon angekommen, am Dienstagmittag, als Marwa daheim in Bagdad auf dem Fußboden sitzt, ihre Schultasche neben sich, und aufhört, den Fragen ihres Vaters zuzuhören; als sie mit den Hausaufgaben für den nächsten Tag anfängt. Physik: In der Aufgabe geht es um Bewegungen, Vibrationen und Schwingungen.

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