Zeitung Heute : Maschinistin des Mutterglücks

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Von Kerstin Kullmann,

New York

Draußen in der Welt hält man Helen Liu jetzt für ein Ungeheuer. Doch selbst im Labor eines Ungeheuers gibt es einen Frühstücksraum. Mit Wasserspender, dreckigen Tellern und sogar einem Stapel Kinderzeichnungen, den jemand auf einem Holzstuhl liegen gelassen hat. Ein paar Zimmer weiter entwickelte die Biochemikerin in den letzten Monaten etwas, das als die erste künstliche Gebärmutter bekannt wurde. Und das klingt – selbst wenn die Zeitungen da einiges missverstanden haben – irgendwie bedenklich. Das sagen die Philosophen.

Helen Liu sieht das anders. Deshalb sitzt sie nun hier im Frühstücksraum, schenkt sich eine Tasse Tee ein und setzt an zu erklären: „Wissen Sie“, sagt Liu, „eine ganze Gebärmutter wird es ja nie werden. Da hat man mich falsch verstanden.“ Denn was stets als funktionsfähiger Uterus dargestellt wurde, sei nur ein Stück Schleimhaut, nicht größer als eine Fingerspitze. „Ein kleines Fetzchen, rosarot, wie Schleimhaut eben aussieht.“ Doch da Helen Liu es geschafft hat, dass sich in diesem Fetzchen eine künstlich befruchtete Eizelle einnistet, gilt sie als Ingenieurin eines Albtraums: Eines Tages, nimmt man an, würde so eine wie Liu auch Babys außerhalb des Körpers ihrer Mütter wachsen lassen können wie Bienenlarven in einer Wabe.

Kinder ohne Mütter

Und das würde einiges ändern: Wir bräuchten keine Frauen mehr, um Kinder zu kriegen. Kinder bräuchten keine Mütter mehr, um geboren zu werden. Und Genforscher hätten leichten Zugriff auf die Zellen des Embryos im künstlichen Uterus. Auch wenn heute weltweit Gesetze solche Entwicklungen verbieten und Helen Liu beteuert, „ich will keine Babys machen“ –, allein der Gedanke an die Möglichkeit macht Angst. So nimmt die Gebärmaschinenindustrie in den Augen vieler ihren Lauf im fünften Stock eines Gebäudes in Manhattan.

Den Vorwurf, auf eine Gebärmaschinenindustrie hinzuforschen, verbittet sich Helen Liu. Alles, was sich in ihrem Labor abspiele, geschehe, um den Patientinnen zu helfen. Bei all dem Pipettieren, Einfrieren, Warmhalten und Konservieren, bei all dem, was ihre Arbeit ausmacht, denke sie immer nur an die Frauen, die in der Klinik der Cornell-Universität nebenan liegen und zum x-ten mal versuchen, durch eine künstliche Befruchtung schwanger zu werden. Liu möchte erforschen, was passieren muss, damit sich ein Embryo sechs Tage nach der Befruchtung an der Gebärmutterschleimhaut festsetzt, damit der kleine Zellhaufen hier andockt und Zelle für Zelle im Gewebe der Mutter versinkt. Das ist die kritische Phase einer künstlichen Befruchtung. In den USA hat man festgestellt, dass sich nur 15 Prozent der implantierten Eizellen erfolgreich in der Schleimhaut der Patientin festsetzen.

Helen Liu ist 60 Jahre alt und in Taiwan geboren. Die kleine Frau im weißen Kittel hat zwei erwachsene Söhne, wünscht sich Enkel und sagt: „Ich bin eine konservative Wissenschaftlerin.“ Hier, im Forschungsbereich für reproduktive Medizin blitzen nicht Chrom, Metall und weiße Fliesen, so wie man sich das vorstellt von einem Labor, in dem für die Zukunft geforscht wird. Weiß und Silber sind hier Beige und Grau: die Laborschränke aus lackiertem Pressholz und der Boden aus PVC. Kopien der Mikroskopaufnahmen ihres Experiments hängen im Gang. „Es ist kein Geheimnis, was ich hier mache“, sagt Liu und schiebt die Hände in die Taschen ihres Kittels. „Ich bin kein Horrordoktor.“

Warum ausgerechnet sie zum Frankenstein der amerikanischen Forschergemeinschaft geworden sein soll, kann sie sich nicht erklären. Vielleicht fing es damit an, dass Helen Liu nicht recht wusste, wie sie mit den vielen Journalisten umgehen sollte. Als die ersten Anfragen für Interviews eintrudelten, war ihr Experiment bereits einige Monate alt, und Liu fühlte sich geschmeichelt und war verblüfft zugleich: „In der Fachwelt war mein Erfolg schon bemerkt worden. Aber für viel Aufsehen hat er nicht gesorgt.“ Obwohl, eine kleine Sensation sei es schon gewesen, Schleimhaut auf einem Gerüst aus Collagen heranzuzüchten. „Menschliches Gewebe zu reproduzieren, ist nichts Neues, aber kompliziert“, sagt sie. Die Journalisten, die anriefen, interessierten sich aber vor allem für das Ei, das in diesem Gewebe heranwachsen konnte. Von „verwaisten Embryonen“ und einer „Muttermaschine“ war in der Zeitung zu lesen. Auch davon, dass Lius Embryo nur bis zum sechsten Tag existieren könne.

Sie haben ihr nicht zugehört. Es geht ihr ja um den sechsten Tag, ums Einnisten. Und ihre „verwaisten Embryonen“ haben in Wirklichkeit Eltern. Eltern, die sich in der Universitätsklinik nebenan einer künstlichen Befruchtung unterziehen und Eier und Sperma der Wissenschaft spenden.

Natürlich benutzt Liu Embryonen zu Forschungszwecken, die dann absterben. Embryonenforschung wird in den USA nicht aus öffentlichen Geldern gefördert, ausgenommen ist davon die Forschung an embryonalen Stammzellen, die bis zu einem bestimmten Stichtag gewonnen wurden. Aber Lius Forschungsprojekt wird ohnehin aus privaten Quellen finanziert.

An der künstlichen Gebärmutterschleimhaut, die Liu entwickelt hat, können Medikamente zur Krebsvorsorge, gegen Krebszellen, gegen Unfruchtbarkeit und auch zur Verhütung getestet werden. Ihr Ziel ist, diese Schleimhaut am Ende Patientinnen zu implantieren, deren kranker Uterus keine Schwangerschaft ermöglicht. Liu plante nie, einen Uterus komplett heranzuzüchten, aber natürlich kann sie nicht vorhersagen, wohin ihre Forschung letztlich führen wird. Da Liu als Wissenschaftlerin aber daran glaubt, dass prinzipiell alles möglich ist, sagte sie den Journalisten: „Ja, es kann eines Tages eine künstliche Gebärmutter geben.“ – „Und wann?“ – „Vielleicht in zehn, zwanzig Jahren.“ Prompt titelte der englische „Guardian“: „Jetzt brauchen wir keine Frauen mehr.“ Und Liu war schuld daran.

Etwa zur gleichen Zeit berief 2000 Kilometer westlich von New York, in Tulsa/Oklahoma, Scott Gelfand, Chef des Philosophie-Instituts der örtlichen Universität, eine Konferenz ein mit dem Titel „Das Ende der natürlichen Mutterschaft“. Zwanzig Philosophen aus ganz Amerika kamen. Gelfand zweifelt nicht an Lius gutem Willen – und ist trotzdem besorgt. „Als 1996 mit Dolly der erste Klon der Welt existierte, waren wir alle davon überrumpelt“, sagt er heute. „Die Diskussionen über die ethischen Auswirkungen des Klonens konnten mit der Realität nicht Schritt halten.“ Und als er sich im letzten Jahr daran machte, Essays über das Entstehen von Leben außerhalb des menschlichen Körpers zu suchen, fand er nur vier. „Dabei versucht seit 1997 ein japanischer Wissenschaftler, einen Ziegenfötus in einem Plastik-Uterus weiterleben zu lassen. Es gelingt ihm sogar für einige Tage. Jetzt hat es Liu geschafft, die ersten Tage einer Schwangerschaft zu simulieren. Ich glaube, es wird Zeit, dass wir uns fragen, wohin das alles führen kann.“

Gelfand setzte sich also an seinen Schreibtisch und überlegte, was die künstliche Gebärmutter in der Gesellschaft verändern könnte. „Nur ein Beispiel“, sagt er, „nehmen Sie Arbeitgeber, die die Wahl haben zwischen einer Angestellten mit einem Baby im Bauch und einer mit einem Baby in der Stadtklinik.“

Auf noch mehr machten die Teilnehmer von Gelfands Konferenz aufmerksam: Wie verändert sich die Beziehung zwischen Mutter und Kind? Die Beiträge behandelten die Gefahr der Entfremdung von Mutter und Kind, deren Band sich bereits im Bauch knüpft. Und Versicherungen könnten Schwangerschaften in künstlichen Gebärmuttern fordern, da sie ohne Gesundheitsrisiken für die Mutter verlaufen würden.

Helen Liu sind derlei Gedanken fremd. Sie sieht den Diskussionsbedarf über ihrer Arbeit, doch es fällt ihr schwer, sich in die Ideenwelt von Philosophen zu versetzen. „Was noch nicht existiert, muss man nicht verhindern“, sagt sie. Und pocht auf die Gesetze in den USA: „Wir dürfen an Menschen nur bis zum 14. Tag nach der Empfängnis forschen. Und daran halten wir uns.“ Und so sagte sie Scott Gelfand ab, als er sie bat, an seiner Konferenz teilzunehmen. „Man kann nicht Jahrzehnte an Forschung überspringen und jetzt schon über die Zukunft reden.“

Forschen in Grenzen

An der Cornell-Universität kontrolliert die institutseigene „Kommission zur Überwachung der Forschung“, amerikaweit ist es die „Gesellschaft für künstliche Befruchtung“. Das sind die Instanzen, die Liu ihre Grenzen aufzeigen. Aber sie vertraut auch auf den gesunden Instinkt ihres Geschlechts: „Eine Frau ist lieber schwanger, als es einer Maschine zu überlassen.“ Im Amerika des Schönheitswahns, in dem Silikon im Busen und Anti-Falten-Spritzen nichts Außergewöhnliches mehr sind, hegen daran aber doch einige ihre Zweifel. Schwangerschaftsstreifen und ein schlaffer Bauch lassen sich eben am besten vermeiden, wenn man gar nicht erst schwanger wird.

Aber falls es so weit kommen sollte: Liu will nicht schuld daran sein. Sie möchte Mutter und Kind nicht voneinander trennen. Und wenn sie im Gang ihres Labors steht und sich die Faust vor den Bauch hält, um die Lage und Größe der Gebärmutter zu demonstrieren, wenn sie Uterus sagt und dabei immer auf ihren Bauch zeigt, dann will man ihr das glauben. „Der Uterus, der liegt da drinnen“, sagt sie und deutet dann mit dem Finger aus dem Fenster. „Der liegt nicht da draußen.“

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