Masern in Deutschland : Immun gegen die Pflicht

Kai Kupferschmidt

Niemand, da ist sich der Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) ganz sicher, niemand habe vor, eine Impfpflicht einzuführen. Der Herr des Hauses, Daniel Bahr (FDP), hatte der „Bild“-Zeitung gesagt, in Deutschland ließen zu wenig Eltern ihre Kinder gegen Masern impfen. „Bleibt das so, wird die Diskussion über eine Impfpflicht kommen“, hatte er prophezeit.

Mehr als eine Prophezeiung soll es aber auch nicht gewesen sein. An der Position des BMG habe sich nichts geändert, sagt der Sprecher. Eine Impfpflicht sei Ultima Ratio und werde im Moment nicht erwogen.

Das ist im Grunde erstaunlich. Immerhin sind die Masern eine der tödlichsten Krankheiten der Menschheitsgeschichte. Bevor in den sechziger Jahren Impfstoffe entwickelt wurden, starben jedes Jahr bis zu zwei Millionen Kinder an dem Virus. 2010 waren es immer noch 140 000 – fast die Hälfte davon in Indien. Doch während Afrika und Asien das Virus zurückdrängen und Amerika es schon 2002 von Chile bis Chicago eliminiert hat, macht das reiche Europa Rückschritte. Eigentlich sollte die Krankheit hier 2010 ausgerottet sein, doch angesichts steigender Zahlen verschob die Weltgesundheitsorganisation die Ziellinie ins Jahr 2015. Auch das sei nicht mehr zu schaffen, sagen Experten nun.

Das Problem: Der Masernerreger ist einer der ansteckendsten überhaupt. Um eine Bevölkerung sicher zu schützen, müssen 95 Prozent geimpft sein. Doch was in Guatemala und Guyana gelingt, erweist sich in Deutschland als schwierig. Nach unzähligen Plakataktionen und Aufklärungskampagnen hat nur Mecklenburg-Vorpommern das Ziel bei Schulkindern erreicht. In Sachsen, Bayern und Baden-Württemberg werden laut Robert-Koch-Institut nicht einmal 90 Prozent geimpft, Berlin schafft 90,7. Dieses Jahr hat das Robert- Koch-Institut bereits 1073 Masernerkrankungen gezählt, die meisten in Bayern (478) und Berlin (400).

Man prüfe unter anderem, ob man in Zukunft ungeimpfte Kinder während eines Masernausbruchs aus der Schule ausschließen könne, heißt es nun aus dem BMG. Das mag helfen, einige Ansteckungen zu vermeiden, dürfte aber kaum die Impfraten erhöhen. Und wer nicht geimpft ist, der ist mit 27 Jahren noch genauso gefährdet wie mit sieben.

Amerika hat die Masern mit einer etwas anderen Regelung besiegt. Dort werden Kinder grundsätzlich von der Schule ausgeschlossen, wenn sie nicht geimpft sind. Das nennt sich Impfpflicht – und es ist höchste Zeit, darüber zu diskutieren. Kai Kupferschmidt

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