Zeitung Heute : Maskerade der Barbarei

Der Tagesspiegel

Die Opfer von Kriegen sind in der Mehrheit nicht Soldaten, und schon gar nicht ihre politischen oder militärischen Feldherren. Es sind Wehrlose, oftmals noch Kinder. Zu den modernsten Perversitäten aber gehört es, Kinder als Opfer auch noch zu Tätern zu machen. Kinder, denen man mit Brutalität, Drogen und Gehirnwäsche ihre Kindheit und so auch die Hoffnung auf ein menschliches Leben geraubt hat, werden bereits zu Soldaten gemacht. Das freilich ist keine exotische Erfindung nur der Roten Khmer oder afrikanischer Warlords. Vor 57 Jahren, im April 1945, schickte Deutschlands Diktator inmitten von Berlin seine Kindersoldaten als Volkssturm ins letzte, sinnlos-mörderische Gefecht.

Das erscheint uns heute als ferner Wahnsinn. Und dann sehen wir plötzlich ganz andere, doch nicht minder wahnsinnige Bilder: palästinensische Demonstranten, Väter (keine Mütter), führen mitten in Berlin ihre Kinder als Selbstmordattentäter verkleidet ins symbolische Gefecht. Einer hat seiner kleinen Tochter Dynamit-Attrappen um den Körper geschnürt und ihr ein schickes Stirnband mit Parolen verpasst. Deutsche Sympathisanten mögen das, naiv oder zynisch, für Demonstrations-Folklore halten. Doch das ist kein Karneval der politisch streitbaren Kulturen mehr. Es ist eine Maskerade der Barbarei.

Wer in Palästina, Israel oder sonst auf der Welt bedrängte, verzweifelte oder ideologisch verführte junge Leute – junge Erwachsene – zum Mord durch Selbstmord presst und sie zugleich als Märtyrer verklärt, der missbraucht Religion. Dieses aggressive Selbstopfer gehört zur unheimlichsten, dunkelsten Seite moderner Kriege und Terrorismen. Der von immer jüngeren Attentätern auf grausige Weise zelebrierte Opferkult ist ein Mord- und Totenkult, der fundamental gegen jede Lebenserhaltung, gegen jeden sonst auch im Krieg bewahrten Überlebenswillen sich richtet.

Eine letzte Steigerung dieses Zivilisationsbruchs bedeutet es, die geistige Unschuld, die körperliche Wehrlosigkeit, die spielerische Abenteuerlust von Kindern zu benützen, um ausgerechnet die dazu zu bringen, ihr Leben zu opfern, die selbst noch kaum gelebt haben. Menschen werden hier zum Material, Kinder zu lebenden Waffen. Was auf der Berliner Demonstration am Sonnabend geschah, ist öffentlicher Kindesmissbrauch. Obwohl es nur ein symbolischer Akt sein sollte, war es eine reale Schandtat. Durch kein politisches Ziel, durch kein Ideal, durch keine Religion oder Ideologie jemals zu rechtfertigen. Diese Väter, diese Eltern sind: Kinderschänder. Peter von Becker

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