Zeitung Heute : Maß Ganz nach

Die Mutter aller Schnittmusterbögen ist tot. Mit ihren Mode-Heften hat Aenne Burda Generationen von Frauen angezogen.

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Von Esther Kogelboom Es war nicht nur der Sinn fürs Praktische, der die Frauen in den 50er Jahren an die Nähmaschinen trieb – nein, schaut man sich die BurdaModen-Hefte der Wirtschaftswunderzeit an, staubt auch die Sehnsucht nach etwas Glamour zwischen den Seiten hervor. Dieser Glamour, der ließ sich bereits beim Durchblättern der Hefte erahnen, beim Ausbreiten des dünn-knisternden Schnittbogens, bei der Auswahl der passenden Stoffe, beim Maßnehmen von Schwestern, Töchtern, Nachbarinnen und Freundinnen. Harte Arbeit war das, die konzentriertes Geschick erforderte. Ein falscher Schnitt mit der Schere, ein verkehrt herum eingesetzter Reißverschluss, und aus dem Futterstoff ließ sich höchstens noch ein Cocktailkleid für die Schildkröt-Puppe nähen. Ein Zahlendreher im Hüftumfang der Schwiegermutter kam einer diplomatischen Katastrophe gleich; ein akkurater Zuschnitt und eine komplikationsfreie erste Anprobe dagegen bildeten das solide Fundament ihres Respekts.

Aenne Burda hat mit ihren Nähanleitungen einen Hauch von Paris selbst in das kleinste deutsche Dorf geholt. Kleine Mädchen liefen plötzlich in Pepitamäntelchen und Goldknöpfen zur Schule, und während die Mutter nähte – mal fluchend, mal strahlend – konnte sie wenigstens nicht wie sonst betriebsam durchs Haus laufen: Nein, sie musste an ihrem Nähtischchen sitzen bleiben, das Zentimetermaß trug sie stolz wie eine Kette um den Hals, zwischen den Zähnen klemmten ein paar Stecknadeln. Man konnte sich endlich mit ihr unterhalten, die Nähmaschine ratterte dazu, und die Hitze des Bügeleisens dampfte die seltsamsten Gerüche aus Baumwolle, Tweed, Viskose und Seide heraus. Mit Aenne Burdas Vorlagen konnte sich jede – etwas Talent und Durchhaltevermögen vorausgesetzt – ein schickes Kleid auf den Leib schneidern. Reich sein musste man dafür jedenfalls nicht.

Später, als die Mädchen längst aus ihren winzigen Pepitamäntelchen herausgewachsen waren, erinnerten sie sich daran. Vielleicht, so dachten sie, könnte man das Schnittmuster für die Hose einfach abwandeln, vielleicht könnte man statt des Flanellstoffes auch rotes Lackleder nehmen – und vielleicht, wenn man sich beeilen würde, könnte man rechtzeitig zur Party am Abend auch noch gelbe Flicken in Blumenform aufnähen? Aenne Burda hätte das nicht gewollt, so viel ist sicher. Aber Aenne Burda ist schuld daran, dass man die alte Nähmaschine der Mutter wieder einmal abgestaubt und nachgeölt hat. Irgendwie ist sie auch schuld daran, dass man für die rote Lacklederhose mit den gelben Blumen von den Freundinnen glühend beneidet worden ist. Und daran, dass man mit Hilfe von Aennes anspruchsvollen Schnittmustern, die dem Laien unlesbar wie Stadtpläne von Tokio oder Phnom Penh erscheinen, gelernt hat, das wirklich Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden.

Sicher, irgendwann gab es plötzlich Schnitte, die sich internationale Designer am Reißbrett überlegt hatten, im Stoffladen um die Ecke zu kaufen. Doch die ignorierten die wahren Maße der mitteleuropäischen Durchschnittsfrau, orientierten sich stattdessen an Modellmaßen. Wie hatte es sonst passieren können, dass Aenne Burdas Größe 38 von Valentino als Größe 42 verkauft wurde? Wer einmal dem Burda-Kosmos vertraut hat, der mochte sich nicht an den Flitter eines Stardesigners gewöhnen.

Und jetzt? Manche Burda-Schnitte werden wie kurze Beine oder hängende Schultern von Mutter zu Tochter vererbt. Sie sind hundertfach abwandelbar und unmodern im besten Sinne. Und in Zeiten industrieller Massenkonfektion à la Mango und Zara ist ein selbst gemachtes Einzelstück nicht nur von unschätzbarem Wert, sondern auch eine ungeheure Befriedigung.

Merci, Aenne Burda.

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