Zeitung Heute : Maßband statt Waage

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Wie man schnell feststellt, ob man abnehmen sollte

Hartmut Wewetzer

BMI: Eigentlich hatten wir uns schon an diese schneidige Abkürzung gewöhnt. Klingt ein wenig nach einer bekannten Automarke, nach Tempo und Rasanz. Steht aber für body mass index, eine Formel, mit der man sein Normalgewicht ermitteln kann. Der BMI ist immerhin so kompliziert, dass Menschen mit Matheschwäche im Internet „BMI-Rechner“ anwerfen können. Um den BMI zu ermitteln, braucht man seine Körpergröße und eine Waage für das aktuelle Körpergewicht. Oder vielleicht auch nicht mehr. Denn einfacher als mit BMI und Waage geht’s mit dem Maßband.

Und wie? Man messe den Taillenumfang. Und schon weiß man, ob man richtig liegt mit seinen Pfunden. Zumindest, wenn es um das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten geht, und damit um die größte Gefahr, die uns von Übergewicht und Fettsucht droht.

„90 bis 95 Prozent unseres Körperfetts befindet sich unter der Haut, nur fünf bis zehn Prozent in der Bauchhöhle“, erläutert Alfred Wirth, von der Teutoburger-Wald-Klinik in Bad Rothenfelde. „Seit mehr als 20 Jahren wissen wir, dass vor allem dieses innere Bauchfett riskant für die Gesundheit ist – aber erst jetzt setzt sich diese Erkenntnis durch.“ Zwar lässt sich dieses Gewebe nicht direkt messen, doch ermöglicht der Taillenumfang Rückschlüsse: viel Bauch = viel inneres Bauchfett. Daher das Maßband. Wirth nennt Gründe, weshalb das Fett im Inneren riskanter ist als das unter der Haut. Vor allem ist das Fettgewebe in der Bauchhöhle biochemisch „aktiver“, es hat Anschluss an die Leber, die Stoffwechselzentrale. Es trägt dazu bei, dass das Risiko für Gefäßkrankheiten steigen kann. Zum Beispiel senkt es die Konzentration des „guten“ Blutfetts HDL-Cholesterin.

Ein Taillenumfang von mehr als 88 Zentimetern bei Frauen und mehr als 102 Zentimetern bei Männern spricht für ein deutlich erhöhtes Gesundheitsrisiko. Mäßig erhöht ist es schon von einem Umfang von 80 Zentimetern (Frauen) und 94 Zentimetern (Männer) an. Völlig entbehrlich ist der BMI allerdings auch in Zukunft nicht. Er bleibt wichtig, um andere Gefahren durch Übergewicht abzuschätzen. Etwa Gelenkprobleme an Knie und Wirbelsäule.

Derweil erscheint am Horizont bereits ein weiterer Messwert, nämlich das Taille-Hüfte-Verhältnis. Eine dieser Tage im Fachblatt „Lancet“ erschienene Untersuchung deutet darauf hin, dass das Taille-Hüfte-Verhältnis besser als jeder andere Messwert Auskunft über das Herzinfarktrisiko durch Übergewicht geben kann. Um es zu ermitteln, teilt man den Taillenumfang (in Zentimetern) durch den Hüftumfang. Bei Männern sollte das Ergebnis kleiner als eins sein, bei Frauen geringer als 0,85. Setzt man die abstrakte Zahl in ein anschauliches Bild um, so stellt sich heraus, dass die bauchbetonte „Apfelfigur“ gesundheitlich bedenklicher ist als die geschwungene „Birnenfigur“. Was wiederum heißt: Männer sollten den Bierbauch meiden. Und Frauen brauchen sich über ein bisschen Speck auf den Hüften keine Sorgen zu machen. Im Gegenteil.

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