Zeitung Heute : Maßhalten

Der Tagesspiegel

– mit zweierlei Maß Deutschlands Manager predigen Lohnzurückhaltung – und sahnen kräftig ab/Von Hans-Jochen Vogel

An die Arbeitnehmer und insbesondere an die Gewerkschaften wird zurzeit immer wieder appelliert, sie sollten mit ihren Lohnforderungen Maß halten. Und in der Tat gibt es gute Gründe dafür, dass sich Lohnerhöhungen im Rahmen des volkswirtschaftlich Vernünftigen halten sollten und dass man stets im Auge behalten muss, wie sie sich auf den Arbeitsmarkt auswirken.

Unter denen, die lautstark Mäßigung fordern, ja sogar Null-Runden, stehen Repräsentanten großer Unternehmen und Wirtschaftsverbände an vorderster Front. Da liegt die Frage nahe, wie es diese Repräsentanten eigentlich selber bei ihren Einkünften halten. Ob sie für sich das praktizieren, was sie von anderen verlangen. Geht man dem nach, trifft man auf einige wenige, die dem gerecht werden. Die etwa ihre Bezüge kürzen, wenn sie das wegen der Lage ihres Unternehmens der Belegschaft zumuten müssen. Der Vorstand der Lufthansa ist dafür ein Beispiel. Aber bei der großen Mehrheit stößt man auf Zahlen, die einem die Sprache verschlagen. So hat das Gehalt deutscher Vorstandsvorsitzender ab einer bestimmten Größenordnung in den letzten 10 Jahren um 250 Prozent zugenommen. Die Bezüge der Vorstandsmitglieder von 30 Unternehmen, die im Aktienindex Dax erscheinen, sind seit 1999 jährlich um 30 Prozent gestiegen.

Lange galt in der Bundesrepublik die ungeschriebene Regel, dass das Salär eines Spitzenmanagers nicht mehr als das zwanzigfache eines Facharbeiterlohns in dem betreffenden Unternehmen ausmachen solle. Das ergab bis in den Anfang der 90er höchstens eine Summe von 500 000 Euro. Heute sind Bezüge in Höhe des hundert-, ja im Einzelfall des zweihundertfachen keine Seltenheit mehr. Jahreseinkommen von 2 Millionen Euro und mehr sind nicht mehr ungewöhnlich. Einzelne Manager verfügen inzwischen sogar über Jahresbezüge von 6, ja 8 Millionen. Das auch an der Spitze von Unternehmen, in denen zur gleichen Zeit Tausende von Arbeitsplätzen abgebaut wurden. Wenig arbeitsplatzfreundlich ist übrigens auch die Gewährung von Manager-Gratifikationen in Gestalt von kostenlosen Optionen auf den Erwerb von Aktien des eigenen Unternehmens. Diese werden um so wertvoller, je höher die Kurse steigen. Und die steigen erfahrungsgemäß häufig dann, wenn der Abbau von Arbeitsplätzen angekündigt oder vollzogen wird. Dabei wäre es ein leichtes, solche Gratifikationen gleichermaßen von der Zahl zusätzlich geschaffener Arbeits- oder Ausbildungsplätze abhängig zu machen.

Nicht minder erstaunlich sind die Abfindungen, die Managern schon nach kurzer Zeit und selbst dann bewilligt werden, wenn sie mehr oder weniger gescheitert sind und deshalb gehen mussten. In einem konkreten Fall wurden einem Vorstandsvorsitzenden, der sich noch keineswegs im Ruhestandsalter befand, zum Abschied rund 30 Millionen Euro bezahlt. Eine Studie besagt, dass sich das Unternehmen damit nicht etwa an der Spitze sondern nur im oberen Mittelfeld vergleichbarer Abfindungssummen bewegte.

Kritik an solchen exzessiven Entwicklungen wird meist damit beantwortet, man müsse sich amerikanischen Verhältnissen anpassen. In der Tat gibt es dort Konzerne, die ihren Chefs über 100 Millionen Dollar im Jahr zukommen lassen. Auch in Europa ist gerade bekannt geworden, dass der Manager eines schwedisch-schweizerischen Konzerns 100 Millionen Euro an Bonus- und Pensionszahlungen bekam. Solche Entlastungsversuche klingen fast so, als ob wir uns auch in unserem Lande auf Summen einstellen sollten, die den addierten Einkommen eines beträchtlichen Teiles der Belegschaft entsprechen.

Ich meine, wir dürfen uns mit all dem nicht abfinden. Wir müssen dem Problem zumindest einen Teil der kritischen Aufmerksamkeit zuwenden, mit der wir – zurecht – die Einkommensentwicklung der Minister und Abgeordneten seit jeher verfolgen. Denn hier sind die Grundprinzipien der Leistungsgerechtigkeit und damit der sozialen Gerechtigkeit auf besondere Weise berührt.

Wer daran mitwirkt, dass diese Grundprinzipien durch die ausschließliche Orientierung am materiellen Mehr beiseite geschoben werden, der tut einen weiteren Schritt zur völligen Ökonomisierung unserer Gesellschaft und aller Lebensverhältnisse. Von dem vollständigen Verlust der Glaubwürdigkeit derer, die andere zur Zurückhaltung mahnen, ganz abgesehen. Aufgerufen sind hier zuerst die Mitglieder der Aufsichtsräte, die über solche Zuwendungen zu entscheiden haben und zu denen ja regelmäßig auch Arbeitnehmervertreter gehören. Dann sollten sich die Aktionäre auf den Hauptversammlungen mit exzessiven Vergünstigungen auseinander setzen. Helfen könnte ferner der Vorschlag einer wirtschaftseigenen Expertenkommission, in den Jahresrechnungen der Gesellschaft künftig die Bezüge der einzelnen Vorstandsmitglieder statt wie bisher nur die Gesamtsumme der Zahlungen an alle gegenwärtigen und früheren Vorstandsangehörigen auszuweisen.

Wenn es anders nicht geht, könnte ich mir auch die Einführung gesetzlicher, am besten EU-rechtlicher Obergrenzen vorstellen. Die Dinge einfach treiben zu lassen, wäre jedenfalls die schlechteste Antwort.

Der Autor war Vorsitzender der SPD und 1981 Regierender Bürgermeister von Berlin.

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