Zeitung Heute : Massiver Einbruch

Preise für Kohlendioxid-Emissionsrechte sackten in den Keller

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Wohl kaum eine Entwicklung hat in den vergangenen Wochen in der Finanz- und Rohstoffwelt Europas für so viel Überraschung gesorgt wie der massive Einbruch der Preise für CO2-Emissionszertifikate. Bei genauer Analyse werden die Ursachen dieser Turbulenzen jedoch rasch deutlich. Dieser als Folge des Kyoto-Protokolls mit dem Ziel der Reduzierung schädlicher Treibhausgase politisch gezielt kreierte Markt, befindet sich noch in einem embryonalen Stadium. Die Preise für Kohlendioxid (CO2)-Emissionsrechte sackten innerhalb weniger Tage von beinahe 30 Euro je Tonne bis auf zeitweise nur noch sechs Euro je Tonne ab.

All dies geschah auch deshalb, weil sich Politiker ihrer Verantwortung im sorgsamen Umgang mit Informationen nicht bewusst waren. Überraschend war für alle Marktteilnehmer insbesondere die Tatsache, dass einige Länder wie Frankreich, die Niederlande, Tschechien, Schweden und Finnland ihre Emissionsdaten für das Jahr 2005 zu einem früheren Zeitpunkt bekannt gaben als dies von der EU vorgegeben war. Als offizielles Datum der Bekanntgabe war von der EU der 15. Mai vorgesehen. Dieses falsche Informations-Verhalten europäischer Staaten führte Ende April zum erwähnten kräftigen Verfall der Preise, den keiner der großen Marktteilnehmer erwartet hatte. Jetzt drängen viele darauf, preisbeeinflussende Marktinformationen in Zukunft in einer koordinierten Aktion zu veröffentlichen.

Die Spot- und Terminpreise für europäische Emissionsrechte haben sich nach dem starken Einbruch inzwischen wieder auf rund 24 Euro pro Tonne erholt. Nun muss man wissen, dass die Preise der CO2-Emissionsrechte vor allem deshalb von großer Bedeutung sind, weil sie einen direkten Einfluss auf die Entwicklung der Strompreise zum Beispiel an der Strombörse EEX in Leipzig haben. Der Grund: Die großen Stromerzeuger preisen die CO2-Emissionsrechte als Opportunitätskosten in ihren Großhandelspreis ein. So hat sich der Preis für CO2 in den vergangenen eineinhalb Jahren neben den Preisen für Gas und Kohle – den wichtigsten Primärenergieträgern bei der Stromerzeugung – als ein starker Preistreiber für Strom herausgestellt.

In Europa gibt es inzwischen fünf Börsen für den CO2-Emissionshandel. Händler sprechen von einem lebhaften bilateralen Handel. Seit Einführung des EU-Emissionshandels wurden bis heute rund 1 Milliarde Tonnen CO2 am Spot- und Terminmarkt gehandelt. Die Tagesumsätze liegen derzeit zwischen zwei und zehn Millionen Tonnen CO2. Die hohe Volatilität hat zur Entwicklung von neuen Finanzinstrumenten geführt. Die European Climate Exchange (ECX) hat in Amsterdam angekündigt, neben dem Futuresmarkt auch Optionen einführen zu wollen. Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Zahl von Finanzinvestoren im Emissionsmarkt ist mit weiteren neuen Produkten zu rechnen. U. R.

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