Zeitung Heute : Maßstäbe setzen

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Dorothee Nolte

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Manchmal versuche ich mir vorzustellen, wie es in einem Kinderhirn so aussieht. Es muss dort ein Tohuwabohu herrschen, ähnlich dem auf einem Redaktionsschreibtisch. Vermutlich kullern im Kinderschädel die grauen Zellen frei herum, bevor sie sich allmählich zu festen Kategorien zusammenballen. Dem kindlichen Gehirn fehlen ja sämtliche Vergleichsmaßstäbe. Der große Bruder zum Beispiel, der gerade vier geworden ist und für die kommende Woche seinen fünften Geburtstag prophezeit, vergleicht Dinge, die nun wirklich nicht die geringste Ähnlichkeit miteinander haben, zum Beispiel meine werte Person mit einem Nilpferd („Sind Nilpferde so dick wie du?“) Außerdem sagt er Sätze wie: Ich bin bis zur Decke hungrig.

Meine Stirn ist ein Meter heiß.

Baby hat drei Kilo doll geschrien.

Papa war mal mit mir an der Ostsee, als er mich schon kannte, aber dich noch nicht kannte.

Bist du tausendmilliondreihundertachtzehn lieb?

Kindergehirnzellenchaos! Als Erwachsener dagegen hat man ja zumindest einige feste Vergleichsgrößen, um sich in der Welt zu orientieren. Ich zum Beispiel weiß: Fünfeinhalb Kilometer, das ist einmal um den Schlachtensee rum. Diese Tatsache zählt zu den wenigen Gewissheiten in meinem Leben, seit meiner Jugend, die ich in der Nähe des Schlachtensees verbringen durfte. In dieser sensiblen Phase hat mich der See zehn Zentner doll geprägt. Hunderte Male habe ich ihn durchschwommen und noch öfter umrundet, am Schlachtensee mietete ich mein erstes Ruderboot, hier fiel ich auf dem Eis auf die Nase, an seinem Ufer entdeckte ich meine erste Wasserratte und meinen ersten Exhibitionisten, kurz, der Schlachtensee und ich, wir waren eins und hatten einander bis zum Himmel lieb.

Ein bisschen fremd blieb mir jedoch in all den Jahren die Alte Fischerhütte, die ihres Zeichens „älteste Gaststätte im Zehlendorfer Seengebiet“. Sie wurde von einem ehemaligen Opernsänger betrieben, der Gastraum voll mit schwerem, dunklen Mobiliar, die Wände behängt mit Schwarz-Weiß-Fotos seiner Karriere, und strahlte immer etwas Abweisendes aus.

Kürzlich waren wir mal wieder dort, und siehe: Die Alte Fischerhütte ist weg. Zur Hälfte abgerissen, die andere Hälfte im Umbau, davor und drumherum aber Stühle, Tische, Ausflügler ohne Ende, ein Holzkiosk mit Ausschank, sogar ein kleiner, mit Sand aufgeschütteter und umzäunter Privatstrand, fröhliche Stimmung, ganz anders als früher. In einer kleinen überfüllten Bucht nahebei erlebte unser Baby sein Coming-Out als Wasserratte, danach besuchten wir Freunde, die gerade die Villa von Bekannten hüteten, und sinnierten auf der Terrasse über den Wandel der Zeiten und der Fischerhütten.

„Es war tausend Million Mal schön am Schlachtensee", sagte der große Bruder am Abend. Ich dachte an die Terrasse, an die Villa, den Garten, die Luft. „Ja, das ist ein ganz anderes Lebensgefühl", schwärmte ich, und der Sozialneid ließ mich zart ergrünen. „Wirklich schön da", wiederholte das Kind. „Ein ganz anderes Land."

Schlachtensee, ganzjährig attraktiv. Die neue Alte Fischerhütte ist täglich von 9 bis 24 Uhr geöffnet.

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