Zeitung Heute : Master oder Diplom?

Heinz Siebold

Die deutschen Hochschulen, heißt es, könnten den Bedarf an qualifiziertem Nachwuchs für die globalisierte Wirtschaft nicht liefern. Die Studiengänge müssten entrümpelt und umgestellt werden: Ein kurzes und stark verschultes Grundlagenstudium (drei bis vier Jahre) für alle mit dem Abschluss "Bachelor", dann ein Aufbaustudium (zwei bis drei Jahre) für die Besten mit dem Abschluss "Master" - möglichst viel davon in englischer Sprache. Im Sommer hat der baden-württembergische Wissenschaftsminister Peter Frankenberg erklärt, sein Land wolle - als erstes Bundesland - die Hochschulabschlüsse "Diplom" und "Magister" abschaffen und durch "Bachelor" und "Master" ersetzen. Bundesweit gibt es etwa 380 Bachelor- und 220 Master-Studiengänge.

Wirtschaftsunternehmen bewerten die neuen Abschlüsse noch zurückhaltend. Personalchefs sind sich bei der Festlegung von Einstiegsgehältern für Bachelors und Masters äußerst unsicher. Nur ein Viertel der Firmen glauben sich mit den neuen Abschlüssen auszukennen, sieben von zehn weniger gut bis unzureichend. Dies ergab eine Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) bei 281 Unternehmen.

Abstriche beim Einstiegsgehalt

Das kennt auch Personalberater Stefan Glasneck aus seiner Arbeit: "Die Personalabteilungen sind oftmals überfordert mit den internationalen Abschlüssen". Glasneck arbeitet bei der Unternehmens- und Personalberatungsfirma Kienbaum mit so genannten "High Potentials". Wer mit einem Bachelor-Abschluss meint, beim Berufsstart gleich weit oben anfangen zu können, irre. Absolventen des Kurzstudienganges müssten Abstriche beim Einstiegsgehalt machen.

Ganz anders beim Master. "Masters sind sehr begehrt, weil der Bezug zum Alltagsbusiness besser ist", weiß Glasneck. Nach der IW-Untersuchung, können Masters von Anfang an auf ein um rund 1000 Mark höheres Gehalt hoffen. Der Master wird etwas oberhalb des Diploms, der Bachelor auf Fachhochschul-Niveau eingestuft. Bachelors fangen mit vier- bis fünftausend Mark brutto an, Masters zwischen fünf- und sechstausend.

Wolfgang Gollub, Experte für die Nachwuchswerbung in der Metall- und Elektroindustrie beim Arbeitgeberberband Gesamtmetall, sieht "noch ganz viele Fragezeichen" für die neuen Studiengänge. "Das ist zunächst eine zusätzliche Verunsicherung der Jugendlichen. Die Angebotspalette ist unübersichtlich geworden." Erst in zwei bis drei Jahren werde mehr Klarheit herrschen. Auf Qualität komme es an. So manche ausländische Bachelor-Titel seien das Papier nicht wert, auf dem sie ausgestellt sind.

Die Personalchefs schauen genau hin, wo der Bewerber sein Patent erworben hat. Albrecht Sanner, Leiter Personal- und Bildungspolitik im DaimlerChrysler-Konzern, begrüßt die Diskussion über die internationale Wettbewerbsfähigkeit, meint jedoch: "Es nützt nichts, nur die Überschriften zu ändern. Wichtig ist die Qualität der Ausbildung. Der deutsche Diplomingenieur sollte nicht verschwinden, die Qualität des Abschlusses ist auch im Ausland bekannt. Warum sollen wir ihm ein anderes Etikett anheften?"

DaimlerChrysler stellt pro Jahr weltweit 3000 Hochschulabsolventen ein. Allein in Deutschland rekrutiert der Konzern 2000 Jungakademiker, siebzig Prozent davon sind technisch orientiert. Rund 150 "hauseigene" Studenten werden von der Berufsakademie übernommen. Master-Absolventen nimmt DaimlerChrysler für wissenschaftliche Aufgabenstellungen gerne, aber auch hier kommt es darauf an, ob die Absolventen aus Harvard oder Buxtehude kommen.

Ein kleinerer Betrieb hat nicht die Möglichkeiten eines Großkonzerns, doch auch die mittelständische Andreas Stihl AG & Co. in Waiblingen fördert die berufsbegleitende Höherqualifizierung. Fünfzehn Prozent der dafür aufgewendeten Zeit lässt der Motorsägenhersteller als Arbeitszeit gelten. Beim akademischen Nachwuchs (etwa 40 bis 50 pro Jahr) greift das Unternehmen - bei derzeit 3300 Beschäftigten im Stammhaus (weltweit knapp 7000) - gerne auf Absolventen der Berufsakademien zurück. Personalvorstand Peter Wagener hält die akademische Ausbildung in Deutschland für reformbedürftig. "Die Halbwertszeit des Wissens sinkt ständig. Bis die Absolventen fertig sind mit dem langen Studium, ist das Wissen schon wieder veraltet", glaubt Wagener. Er bewertet den Trend zu Bachelor- und Master-Studiengängen grundsätzlich sehr positiv, fürchtet aber: "Wir haben Traditionen, die man nicht so schnell verändern kann."

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben