Zeitung Heute : "Materialbörse" für Lehrer: Für das Netz lernen

Dietrich Kluge

Der Lehrer: Ewiger Sündenbock der Bildungsmisere und ständig im Stress. Doch allmählich dürfen die gebeutelten Pädagogen - Internet sei Dank - aufatmen: Wenigstens die Unterrichtsvorbereitung kann jetzt schneller absolviert werden: Neben ihren Druckpublikationen bieten viele Schulbuchverlage mittlerweile komplett vorgefertigte Unterrichtsmaterialien online an. Bedeutet das nun das Ende des Schulbuches und die Freizeit per Mausklick?

Beim "Cornelsen-Verlag" würde man so weit nicht gehen: Hier versteht man den Service der "Materialbörse" eher als Erweiterung der eigenen Lehrmittel. "Vor allem Gymnasial- und Informatiklehrer versuchen das Internet mehr in den Unterricht einzubeziehen. Wir verfolgen hier einen Cross-Media-Ansatz zur Durchmischung von Print und Online", sagt Martin Hüppe von "Cornelsen-Online" über den Ausbau des Materialangebotes im Internet.

Auch der "Schroedel-Verlag" versteht sein Angebot namens "up to date" eher als Erweiterung denn als Ersatz der angebotenen Print-Produkte. Das besondere an "up-to date": Der Unterrichtsstoff wird aus aktuellen Zeitungsmeldungen entwickelt. BSE, Sebnitz und Spendenaffäre sollen die Anschaulichkeit des Lehrangebotes steigern helfen, die Lernziele sind allerdings schon von vornherein klar umrissen.

Der Instant-Unterricht hat aber nicht nur Vorteile. Andreas Zepf, Berliner Deutschlehrer sieht durch solche Lernhilfen den Dialog im Klassenzimmer gefährdet. "Für das gemeinsame Gespräch zwischen Schülern und Lehrer ist die ständige Benutzung von vorgefertigten Arbeitsblättern tödlich." Dennoch kann auch er Kollegen verstehen, die sich - weil unter Zeitdruck - Hilfe aus dem Netz holen. "Das Problem der Zeitknappheit hat allerdings andere Ursachen." urteilt Zepf. Und schließlich: Auch die Schulbuchverlage müssen auf den schnell fahrenden Zug des Internets aufspringen.

Die hier auf ihn zukommende Materialflut aus dem Netz, wenn auch didaktisch wertvoll, dürfte einen findiger Schüler mit Internetanschluß nicht beeindrucken, denn die Gegenmittel gibt es schon länger: Die reichhaltige Angebot von Referat-und Hausaufgabendatenbanken lädt geradezu zum Spicken, Abschreiben oder einfach Downloaden ein. Ganze Service-Portale kümmern sich um die Belange nicht immer lerneifriger Schüler: Eine lesbare Cäsar-Übersetzung für die nächste Lateinstunde oder die besonders geistvolle Gedichtinterpretationen, alles kein Problem.

"Hausarbeiten.de" ist der bekannteste Anbieter solcher Dienste. Geschäftsführer Patrick Hammer, selbst Student, würde sein Projekt allerdings lieber als Wissensarchiv verstanden wissen, denn als Anleitung zum Schummeln. "Wir stellen hier gebündelte und strukturierte Informationen bereit", sagt Hammer über den eigentlichen Nutzen von "hausarbeiten.de". Aus Schülersicht sieht die Situation so aus: Schulbuchverlage sorgen für die Pobleme und die Schummelseiten liefern die Lösungen dieser Probleme über das Netz. Die konsequenterweise angebotenen Hausaufgaben- und Schummel-Seiten sind nach dieser Logik dann lediglich die Waffe im "Info-War" Schüler gegen Lehrer.

Allerdings sollte das Vertrauen in die unendlichen Wissenressourcen im Netz nicht zu groß sein: In den USA benutzen misstrauische Lehrer und Universitätsdozenten in zweifelhaften Fällen schon spezielle Suchmaschinen, wie "plagiarism.org", die eine eingereichte Arbeit mit den Angeboten der einschlägigen Schummel-Seiten vergleichen und auf abgekupferte Inhalte untersuchen. Es wird aber nur eine Frage der Zeit sein, bis ein talentierter Computer-Freak auch dagegen ein Pogramm entwickelt hat. Schließlich gilt: Nicht für die Schule, für das Netz lernen wir.

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