Zeitung Heute : Mathematik-Projekt: Schüler outen sich als Rechenkünstler

Gudrun Weitzenbürger

Dass deutsche Schüler schlecht in Mathematik sind, weiß man seit der TIMS-Studie, die die Leistungen von Schülern in Mathematik und Naturwissenschaften international vergleicht. Doch einer hat es schon lange gewusst: Mathematik-Professor Gerd Walther von der Universität Kiel, der Schülern im abgelegenen Schleswig-Holstein seit 1984 mathematisch auf die Sprünge hilft.

"MA-THEMA" heißt das ehrgeizige Projekt, an dem 12- bis 15-jährige Schüler an fast der Hälfte der Gymnasien Schleswig-Holsteins teilnehmen. Betreut von einem Lehrer lösen sie einmal in der Woche zwei Mathematikaufgaben, die "sich vom Unterrichtsstoff abheben", sagt Walther. Als Leiter des Redaktionsteams stellt er die Aufgaben zusammen, die dann vom schleswig-holsteinischen Bildungsministerium an die teilnehmenden Schulen verschickt werden.

Über das Urheberrecht am Mathema-Projekt streiten sich denn auch die Geister. Auf der einen Seite der Professor Walther, der von sich behauptet, Ziehvater des Projektes gewesen und mit ihr an das Bildungsministerium herangetreten zu sein. Auf der anderen Seite Ministerialrat Heiko Wolgast. "Die ersten Mathematikaufgaben wurden ja ohne den Professor zusammgestellt", so der Vertreter des Bildungsministeriums.

Aber das ist nicht der einzige Streitpunkt. Es sind an Mathematik interessierte Jugendliche, die gefördert werden sollen. In der Pubertät fällt es Jugendlichen schwer, "sich für Mathematik zu outen". Diese Erfahrung hat Professor Walther gemacht. Oder es handelt sich um begabte Schüler, deren Talent im einheitlichen Schulbetrieb nicht verpuffen sollte. Letzteres behauptet Ministerialrat Wolgast, wenngleich er annimmt, dass ein mathematisch begabter Schüler auch am Fach interessiert sei und umgekehrt.

Dies jedoch kann die Mathematikerin Angelika Bikner so nicht stehen lassen. Sie hat das Projekt wissenschaftlich begleitet und dabei in ihren Untersuchungen herausgefunden: "Mathematisch interessierte Schülerinnen und Schüler sind nicht nur die leistungsstarken Schüler. Das Zensurenspektrum der Teilnehmer ging von 4 bis 1." Wenngleich sich Jungen mehr für Mathematik interessieren als Mädchen, unterscheiden sie sich in den Leistungen nicht. Das haben die Ergebnisse aus Bikners Untersuchungen gezeigt. "Das liegt wohl daran, dass Mädchen sich an menschlichen Beziehungen und Bedürfnissen orientieren. Jungen sind dagegen eher sachorientiert."

Ob Mensch oder Sache, Mädchen wie Jungen mögen an Mathema insbesondere die Aktionstage, an denen sie Mathematik in einem dreitägigen Camp erleben. "Wir organisieren tagsüber Geländespiele, abends tüfteln die Jugendlichen an Mathematikaufgaben, die einen starken Realitätsbezug haben", sagt Gerd Walther. Die begleitenden Lehrer greifen Defizite aus dem schulischen Unterricht auf und arbeiten sie gemeinsam mit den Schülern auf.

Bei den Aufgaben sollen die Schüler "sich im Lösungsprozess gegenseitig stützen und helfen, Ideen einbringen und die Ideen anderer weiterdenken", erklärt Walther. Die Aufgaben hätten einen "experimentellen und auf selbstbestimmtes Handeln ausgerichteten Einstieg". Nachdem die Aufgabe gestellt wurde, fragt man die Schüler, warum das so ist. Außerdem sollen sie daraus ein Spiel entwickeln und so einrichten, dass der Erfinder des Spiels gewinnt. In den "Mathematikunterricht rückwärts einwirken", nennt das Ministerialrat Wolgast: "Aufgaben haben ein Drumherum".

Die Umgebung der Mathematik soll am Schnuppertag erfahren werden. Was macht zum Beispiel ein Versicherungsmathematiker? Schüler dürfen auch einem Universitäts-Mathematiker über die Schultern schauen. Ausflüge zur Provinzial-Versicherung oder an die Kieler Universität kosten Geld. Wolgast aus dem Ministerium meint, diese Aktionen hinreichend finanziell zu unterstützen. Doch Walther reicht das nicht, er sucht nach Sponsoren. Das letzte Camp hat vor drei Jahren stattgefunden.

Der beste Beweis für den Erfolg des Projektes seien die Schüler selber, die sich nach wie vor zahlreich in den Mathema-Gruppen anmelden. "Anfangs waren es rund 16 Gymnasien, heute sind es 40", berichtet Walther. Die nächste Zielgruppe des Projektes sollen Grundschulen sein. "Dort steckt noch ein enormes Potenzial, das nicht ausgeschöpft ist", sagt Walther.

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