Zeitung Heute : Matthias Horx im Interview: "Ich surfe nicht"

Das Internet. Was würden Sie denjenigen sagen

Das Internet. Was würden Sie denjenigen sagen, die noch nicht "drin" sind?

Wir können heute schon deutlich sehen, wie die in den Himmel ragenden Kurven der Internet-Nutzung deutlich flacher werden. Sogar in den Kerngruppen der Internet-Nutzer zeichnet sich eine Abflachung ab. US-Studien zeigen uns, dass viele Jüngere das Netz zwar ausprobieren, aber dann wieder zu anderen Medien oder zum klassischen Freizeitverhalten zurückkehren. Der PC-Markt ist in einer Krise. Viele Menschen, die das Netz nicht in ihrem alltäglichen Berufsverhalten benutzen, sind nicht sonderlich begeistert davon.

Warum nicht?

Beruflich ist das Web ein Renner, privat eher ein Flop. Das Web polarisiert: Für diejenigen, die in den neuen Wissenberufen unterwegs sind - etwa ein Drittel der Bevölkerung - und ein relativ hohes Einkommen haben, ist es ein Segen. Diese Gruppe benutzt es immer intensiver und wird immer kompetenter. Für ein weiteres Drittel ist es mäßig interessant. Für die kommt es auf die Kosten an und auf die Einfachheit des Zugangs. Und ein weiteres Drittel kann überhaupt nichts damit anfangen. Wir erleben in den nächsten Jahren einen "Digital Divide", eine digitale Spaltung der Gesellschaft.

Ist das Netz zu kompliziert?

Das ist das zentrale Problem und der Grund, warum das Netz nie ein Massenmedium wie das Fernsehen werden wird. Der Aufwand, um ins Netz zu kommen, ist eben nicht so einfach wie in der Boris-Becker-Werbung. "Ich bin schon drin" gilt nur für Leute mit unendlich viel Zeit und technischer Geduld. Computersoft- und Hardware ist von Männern für Männer entworfen. Und wer erst einmal drin ist, wird leicht von der gigantischen Menge an Information erschlagen.

Wie gehen Sie denn mit dem Internet um?

Für Berufe, die wie der meine auf extreme Mengen von Information angewiesen sind, ist das Netz natürlich ein Segen. Ich schreibe jeden Tag mindestens zwanzig E-Mails, recherchiere intensiv im Netz. Aber ich "surfe" nicht - das ist mir zu uneffektiv.

In Ihrer neuen Zukunfts-Studie sprechen Sie von "Info-Diät" ...

Ich denke, wir benötigen alle als Individuen so etwas wie Orientierungs-Pfade in den gigantischen Wüsten des Wissens. Dafür müssen wir lernen, viele Informationen zu ignorieren, um andere umso mehr mit Sinn zu füllen.

Zappen im Internet ...

Das, was wir vom Fernsehen gelernt haben, das Zappen, führt im WWW zu einer totalen Überforderung. Information wird, in Überfülle genossen, zum weißen Rauschen. So, wie wir lernen müssen, unsere Ernährung gesunder zu gestalten, müssen wir auch eine "Informations-Kompetenz" erlernen - vor allem durch Weglassen!

Und wie lässt man weg?

Mit Ich-Portalen. Heute ist es so, dass man sich in ein Portal einwählt und dort versucht, nach Informationen zu suchen. In Zukunft werden sogenannte "Bots" die Suche für uns erledigen und Informationen für uns sammeln. Wenn wir dann ein Netz-Zugangsgerät öffnen, stehen unsere Bots bereit und berichten, was sie im Netz für uns gefunden haben. Das nenne ich ein Ich-Portal.

Stichwort Handys, schnellere Übertragungsgeschwindigkeit. Macht UMTS das Leben einfacher?

Der Unsinn bei der UMTS-Euphorie ist doch, dass man das Handy-Verhalten der Leute einfach auf eine vernetzte, bunte Bilderwelt umgesetzt hat. Aber der Grund für den Handy-Boom liegt nicht in der technischen Faszination, sondern in der gestiegenen Mobilität der Menschen. Mobile Handwerker, Mütter, die einen Beruf haben, komplexe Familien können mithilfe des Handys ihren Lebensalltag gestalten. Aber nur, weil das Handy EINFACH ist. Wenn es kompliziert wird, verliert es seinen Vorteil. Und viele der Anwendungen, die UMTS uns bringen soll, sind sehr umständlich.

Was genau ist "Internet 2"

"Internet 2" ist das eigentliche Internet - aber wir werden es dann nicht mehr so nennen. Es beginnt 2005, wenn wir sehr einfache Zugangsgeräte entwickelt haben, ohne Kabelsalat und Softwareprobleme. Geräte, die auf Zuruf reagieren. Und wenn die Übertragung wirklich superschnell wird. Wenn man sich tatsächlich den Spielfilm durch die Glasfaser-Leitung saugen kann - in sekundenschnelle.

Und in 20, 30 Jahren? Gibt es das Internet dann überhaupt noch?

In spätestens zwanzig Jahren wird das Netz verschwunden sein. Es ist dann so alltäglich, dass es gewissermassen "in den Wänden" verschwindet. Bis dahin müssen wir noch einige digitale Fegefeuer durchschreiten. Das nächste Szenario nennen wir "Gadgetmania". Erinnern Sie sich an John Wayne?

Natürlich.

In den nächsten Jahren werden wir alle wie John Wayne sieben bis acht Geräte am Gürtel tragen: Handy, UMTS-Handy, Handheld, GPS-Gerät undsofort. Und alle Geräte werden irgendwie dann doch nicht so kompatibel sein, wie uns die Industrie es verspricht. Danach beginnt die Breitbandwelt - das Fernsehen wird individualisiert.

Und dann . .

werden wir uns wieder den sinnlichen Vergnügungen zuwenden - und das Netz wird im Hintergrund unsere Lebensfunktionen und Grundbedürfnisse steuern.

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