Matthias Platzeck : Im Karnickelgriff

"Ich bin mit mir im Reinen", sagt Matthias Platzeck. Erst Ankläger der SED, jetzt Partner der Linken – nicht nur in Brandenburg fragt man sich: Was ist in ihn gefahren?

Thorsten Metzner[Potsdam]
Platzeck
Matthias Platzeck (SPD). -

Kein Festakt, kein Sekt. Nur zwei Dutzend Journalisten sind erschienen, als im Potsdamer Landtag, der im Volksmund „Kreml“ heißt, weil hier vor 1989 die SED-Bezirksleitung residierte, 20 Jahre nach dem Mauerfall ein rot-roter Vertrag unterzeichnet wird, zwischen Sozialdemokraten und Ex-Kommunisten. „Los geht’s!“, sagt Matthias Platzeck, der drängelt, der gar nicht erst Anspannung aufkommen lassen will. Vorher hat er von „wirtschaftlichem Aufbruch und Zusammenhalt“ geredet. Und Kerstin Kaiser, die Fraktionschefin der Linken, sprach von „politischen Schlaglöchern“ auf dem Weg, von einem „Anfang“. Das war’s, dann kratzen schon die Kugelschreiber, Kameras klicken, nach neun Minuten ist alles vorbei. Den von Fotografen erhofften Händedruck vermeidet Matthias Platzeck. „Den Gefallen tun wir euch nicht.“ Und lacht.

Alles normal? Die beschauliche brandenburgische Welt ist aus den Fugen, seitdem er, Regierungschef seit 2002 und zwischendurch mal Bundesvorsitzender der SPD, plötzlich auf ein Bündnis mit den Linken dringt. Fast alle hat er damit überrumpelt, eigene Genossen, die CDU, mit der er sieben Jahre regiert hat, selbst die Linken. Wie eine rot-rote Sturzgeburt wirkt es, deren Folgen keiner absehen kann. Wird ihn der Landtag heute im ersten Wahlgang zum Regierungschef wählen? Drohen Abweichler wie 2004, als sechs Stimmen fehlten, gar Thüringer Verhältnisse? „Ich bin kein Hellseher.“

Er hat nicht erwartet, was er auslösen würde. Schließlich ist es das vierte, nicht das erste Rot-Rot, schließlich hatte sich selbst nebenan in Berlin die Aufregung gelegt. „Dass es so emotional wird, habe ich nicht gedacht.“ Und doch ist Platzeck, eine ungewohnte Rolle für ihn, zum Buhmann geworden. Er, der Sunnyboy, Charmebolzen, Sympathie-Ossi, gefeierter Wahlsieger, beliebtester Politiker Brandenburgs, dem einzigen Bundesland weit und breit, wo die allerorten abstürzende SPD seit Ewigkeiten eine Wahl gewonnen hat, Platzeck sei Dank. Und jetzt Rot-Rot? „Schande“, donnerte Wolfgang Schäuble. „Verrat an 1989“, klagte die Christdemokratin Johanna Wanka.

Wohl nie ist Matthias Platzeck so viel Unverständnis, Wut, Empörung entgegengeschlagen. Hunderte Faxe und E-Mails gingen in der Staatskanzlei ein, allerdings, wie registriert wurde, „80 Prozent aus dem Westen“. Dass „immer noch so viel Hass unterwegs“ ist, das beschäftigt ihn, trifft ihn, mehr als er zugeben mag. Und doch haben diese Anfeindungen den Ausschlag gegeben, dass er, den im Willy-Brandt-Haus manche den „Potsdamer Konsensonkel“ nennen, aufs Ganze ging mit dem Aufruf via „Spiegel“ zur Versöhnung mit geläuterten SED- und Stasi-Verstrickten, dem er die kalkulierte Provokation draufsetzte, der Westen habe 1945 ja auch Nationalsozialisten und Mitglieder der Waffen-SS integriert. Prompt brach ein neuer Sturm der Entrüstung los. Und selbst Genossen fragten besorgt: „Was ist mit ihm los?“

Eigentlich nur das eine: dass ihm keiner Rot-Rot zugetraut hat. Selbst für Linke-Chef Thomas Nord stand vor der Landtagswahl fest: „Das macht er nicht.“ Nicht er, dieser preußisch konservative Genosse, die „personifizierte Große Koalition“ („Zeit“). Nicht bei der Vita. Der Arztsohn aus Potsdam, geboren 1953, geprägt im bürgerlichen Elternhaus, lebte in Distanz zum SED-Staat. Der „innere, endgültige Bruch“ war für ihn der Einmarsch der Sowjets in Afghanistan. Über den Zustand seines Landes musste den Umweltinspekteur in der Bezirkshygieneinspektion Potsdam ohnehin niemand aufklären. Er litt, als die Havel zur Kloake und Straßenzüge Potsdams zu Ruinen wurden. Mit Gleichgesinnten gründete er 1988 den Verein „Argus“, Potsdams erste Bürgerinitiative. Man engagierte sich für das verfallene Pfingstberg-Belvedere, gegen den Abriss alter Häuser. Es war keine Frontalopposition. Es reichte, um ihn ins Visier der Stasi zu bringen.

In den Akten über „Argus“ taucht Platzecks Name häufig auf, als „feindlich-negative Kraft“. Lange vorher hatte es einen Anwerbeversuch der Stasi gegeben, Platzeck lehnte ab. „Es war eine Grundklarheit für mich: Stasi nie.“ Es folgten der Wendeherbst, der Schritt in die Politik, eine rasante Karriere, die ihn eher fand, als dass er sie suchte: runder Tisch, Volkskammer, Minister im Modrow-Kabinett, Umweltminister, „Deichgraf“ beim Oderhochwasser.

Die innere und äußere Distanz zu den SED-Nachfolgern blieb: 1998 gab er seinen Ministerjob auf, wurde Oberbürgermeister in Potsdam, damit die Stadt nicht an die PDS fiel. 1999 trat er auf dem Parteitag in Ludwigsfelde der wortgewaltigen Regine Hildebrandt entgegen, riss mit einem Plädoyer gegen Rot-Rot die Stimmung herum. Er stellte sich, jetzt schon Regierungschef, 2004 im Landtagswahlkampf gegen die PDS, ließ sich für Gerhard Schröders Agenda-Reformen mit Eiern bewerfen. In einer Aktuellen Stunde des Landtags zum 15. Jahrestag des Mauerfalls, als die PDS-Abgeordnete Carolin Steinmetzer ein rosarotes DDR-Bild zeichnete, schilderte Platzeck aufgewühlt, wie ihm im Mai 1989 die Stasi drohte: „Die Herren haben mir dann mitgeteilt, für den Fall, den sie da ins Kalkül gezogen haben, brauchte ich mir um meine drei Kinder keine Sorgen machen. Die würden in einem staatlichen Kinderheim eine bessere Erziehung genießen als bei ihren Eltern.“ Noch 2008, auf dem Parteitag in Schwedt, war seine Botschaft unmissverständlich: „Ihr seid noch nicht dran!“

Kein Wunder, dass viele rätseln, was in ihn gefahren ist. Für seine Kritiker stand schnell fest, es müsse „pures Machtkalkül“ sein, die Angst vor dem Simonis-Effekt, die knappe Fünf-Stimmen-Mehrheit bei Rot-Schwarz. Wer Platzeck kennt, gibt andere Antworten. „Ich sehe überhaupt keinen Bruch bei ihm“, sagt Hans-Otto Bräutigam, der als Justizminister lange mit ihm am Kabinettstisch saß. Platzeck sei immer „auf Verständigung und Versöhnung“ aus, wolle Menschen mitnehmen. Da liege sein Antrieb.

Es stimmt wohl, so hat er immer Politik gemacht, ein lebensfroher Typ, ein Menschenfischer und Menschenfreund, der zuerst auf seine innere Stimme hört. So wie jetzt bei Kerstin Kaiser, der Fraktionschefin der Linken, die in der Studienzeit als IM „Katrin“ für die Stasi Kommilitonen bespitzelte. Er hatte sich lange vor der Wahl mehrmals mit Kaiser getroffen. Beide sprachen über alles, auch über ihre gebrochene Biografie, die Auseinandersetzung, für ihn stimmte es irgendwann. „Ich bin ein Bauchmensch. Sonst wäre es auch nicht gegangen. Solche Läuterungen muss man Menschen zubilligen.“

So wie es Platzeck vorher schon bei Heinz Vietze tat, mit dem seine Annäherung an die Linke begann, die für ihn eine an Menschen ist: Jahrelang hatte er mit dem Ex-SED-Bezirkschef von Potsdam kein Wort gewechselt, einem, der offen sagt: „Ich brauchte keine Berichte für die Stasi zu schreiben, sie wurden für mich geschrieben.“ Man traf sich beim Rotwein, einmal, dann häufiger, es ging zur Sache. Aber Platzeck imponierte, wie sich Vietze seiner Schuld stellte, sich nach 1990 für Brandenburg einsetzte. „Ich habe es ihm abgenommen.“ Als er vor zwei Jahren beim Empfang zu Vietzes 60. Geburtstag erschien, ihm „als Ministerpräsident“ Referenz erwies, hat das manchen irritiert. Aber da war sie schon, die ausgestreckte Hand. Schon da konnte man spüren, dass sich etwas bewegt bei Matthias Platzeck, der sowieso nicht nachtragend sein kann, nicht privat, nicht in der Politik. Umarmung ist sein Grundantrieb, sein Lebenselixier, da stellt er selbst Manfred Stolpe längst in den Schatten.

Ach ja, Manfred Stolpe. Das, was da jetzt in Brandenburg geschieht, hat auch mit Platzecks Ziehvater zu tun. Mit den Anfangsjahren, als das Land von den Schatten der Vergangenheit eingeholt wurde. Platzeck, damals Umweltminister, blieb im Kabinett, als die „Ampel“-Koalition am Streit um die Stasi-Verstrickungen des Regenten zerbrach, der als Geheimdiplomat verschlungene Wege gegangen war. Es gab eine denkwürdige Landtagsdebatte damals, in der ihm Günter Nooke „Opportunismus“ vorwarf, weil Platzeck nicht den Stab über Stolpe brach. Das tue weh, erwiderte Platzeck. Aber er gehöre zu den Menschen, „die gelernt haben, Dinge, die sie für richtig halten, notfalls auch allein durchzusetzen“. Für ihn gehe es „um Toleranz als Grundbedingung menschlichen Lebens“, um differenzierte, individuelle Bewertungen. Er bemängelte, in „einer Zeit, wo es brodelt und brennt, führen wir diese Debatte mit einem moralischen Rigorismus, der mit dem tatsächlichen Leben nichts zu tun hatte, nichts zu tun haben wird“. Und mit solchen Sätzen, die er heute in der Debatte um Rot-Rot, um Stasi und Kaiser fast genau so formulieren würde, warnte er 1994 vor „Symptomen einer gefährlichen Negatividentität“ im Osten. Nur, dass er fortan erlebte, wie diese sich weiter ausbreitete, wie die Linke im Osten immer mehr Zulauf bekam, in Sachsen die SPD dafür auf zehn Prozent stürzte, eine SPD, „die den härtesten Abgrenzungskurs gegen die SED-Nachfolger durchsetzte“. So rief er es vor ein paar Tagen, auf einer Veranstaltung an der Basis, Kritikern zu. So redet nur einer, dem Freund-Feind-Denken, Realitätsverweigerung, Prinzipienreiterei zuwider sind.

Vielleicht liegt der Schlüssel in zwei Brandenburg-Landkarten. Sie zeigen die Wahlkreise zur jüngsten Landtags- und Bundestagswahl, auf denen selbst das SPD-Kernland im Osten nur noch zur Hälfte SPD-Rot und zur anderen Links-Dunkelrot ist. Darauf weist ein Freund hin, der ähnlich tickt wie Platzeck. „Das ist doch der Wählerwille“, sagt Wieland Eschenburg, einst Platzecks Büroleiter, vor 1989 Weggefährte bei „Argus“. „Er ist keiner, der gedankenlos neue Konstellationen zimmert.“ Im Grunde versuche Platzeck, die neue Realität aufzunehmen, indem er die Linke „beim Wort nehme“, bei ihren Versprechen, wie es „Argus“ vor 1989 bei den SED-Mächtigen versuchte. Natürlich habe die Art, wie man Platzeck jüngst erlebe, auch mit Selbstzweifeln, mit „einer ständigen Vergewisserung“ zu tun. Und das verstörende Bild, wie Platzeck Kerstin Kaiser herzend in den Nacken fasst, der Bürgerrechtler und die einstige IM? Eschenburg hat auch dafür eine Interpretation: Das sei „der Karnickelgriff“, bei dem das Tier erstarrt, damit man es tragen kann, hinein in die Mitverantwortung. Nun ja. Brandenburg, das wusste schon Fontane, ist ein weites Feld.

„Ich bin eben ein lernendes System.“ Das hat Platzeck einmal über sich selbst gesagt. Der studierte Kybernetiker, der nicht zum ersten Mal nach zähem Ringen frühere Positionen revidiert. So war es, als der ehemalige Grüne über einen Umweg als Parteiloser bei der SPD landete, so war es, als der Braunkohlegegner, der für die Abbaggerung des Dorfes Horno eintrat, zum Befürworter des Flughafens in Schönefeld wurde. So wurde auch aus dem Gegner der Fusion Brandenburgs mit Berlin ihr Befürworter – und mittlerweile wieder ihr Gegner, solange eben, bis die Welt sich wieder ändert.

Es bleibt ein Phänomen, dass alle diese Häutungen seiner Popularität keinen Abbruch getan haben. Auch diesmal nicht? Wer weiß. Matthias Platzeck jedenfalls, der seine Autorität nun bis an die Grenze ausgereizt hat, bei dem manche schon eine „Erosion“ der Macht registrieren, dem die Lust an der über Brandenburg hinausweisenden Versöhnungsmission anzumerken ist, schert sich darum wenig. „Ich bin mit mir im Reinen.“

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