Matthies meint : Abschied von der Alm

Bernd Matthies HP Kontur

Es gibt dieser Tage Grund, an Emil Steinberger zu erinnern, jenen Kabarettisten, der unser Bild der Schweiz nachhaltiger geprägt hat als die Herren Zwingli, Calvin und Tell zusammen – nämlich als ein Land, dessen Bewohner jedes Wort auf der ersten Silbe betonen und die daraus montierten Sätze mit einem melodischen „odrr?“ abschließen. Und vor allem als ein reiches Land, das zur Abwehr auswärtiger Einbürgerungserschleicher viele graue Männer beschäftigt. Von draußen kommend Schweizer werden? Das ist ein Phänomen, so undenkbar wie eine Alm ohne Öhi.

Andererseits – davon war bei Steinberger weniger die Rede – gibt es ja auch das hoch merkantile Schweizer Prinzip, praktisch jeden dahergelaufenen Ausländer ohne Zögern aufzunehmen, wenn er nur ordentlich Geld mitbringt. Die von ihren Finanzämtern gequälten deutschen Multimillionäre warfen den Behörden einen Koffer Geld hin, ungefähr so viel, wie sie in ihrer Heimat nur für Sekt- und Grunderwerbsergänzungssteuer zahlen müssten, und lebten glücklich in ihren geräumigen Chalets in Küsnacht oder Vufflens-le-Chateau, während draußen in der Welt ihre Geschäfte weiter florierten wie verrückt.

Nun hat die Zürcher Alternative Liste, dem Vernehmen nach um die hundert Leute, diese einträgliche Regel im Wege eines erfolgreichen Volksbegehrens abgeschafft. Man weiß nicht recht, warum, es hat sicher mit der Finanzkrise zu tun und dem befriedigenden Gefühl, das ein Schwung mit der Privilegien-Sense stets vermittelt.

Aber die Folgen sind gewaltig. Die Sense trifft, wie man hört, vor allem gereifte Popstars aus der Allerletzte Abschiedstournee-Liga. Und Formel-eins-Fahrer! In den nächsten Tagen werden sie empört ihre vollgepackten Ferraris anlassen, zur Rechten spritzen die Immobilienmakler beiseite, links bringen sich die Paparazzi in Sicherheit, die Breitreifen radieren ihren Abschiedsruf in den Asphalt, weg, nur weg! Ins Entlebuch, falls sie dort noch ausländisches Geld nehmen, sonst nach Luxemburg, verdammt eng da, oder zu den elastischeren Ösis, irgendjemand muss sie doch haben wollen.

Hinterher der dicke Geländewagen, das ist Alois-Müller-Milch mit seinen Liebsten, der nun gar nicht mehr weiß, wo er hin soll; der klapprige Volvo- Kombi, der nicht anspringen will, gehört Ingvar Kamprad, dem Ikea-Erfinder. Doch der hat Zeit, er kauft sich jetzt zum Steuersparen einfach ganz Schweden, Länder sind billig auf dem Markt momentan. Bald, wer weiß, ist auch die Schweiz günstig zu haben. Es muess zuuu luschtig si, das zläse, odrr?

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