Matthies meint : Alles mit Kurt

Die SPD hat sich gewandelt, aber hallo. Noch vor wenigen Jahrzehnten war eine größere Tagung der Partei außerhalb des Bier- und-Bockwurst-Milieus praktisch undenkbar, und die Organisatoren mieteten stets raue Festsäle, die immer ein wenig nach Oktoberrevolution aussahen und auch so rochen.

Heute ist es schon einmal so, dass der Tagungsraum mindestens „Event Center“ heißen muss, damit der weltläufig anglophile Sozialdemokrat überhaupt weiß, wozu das eckige Ding mit der Doppelflügeltür vorn gut ist: Man geht rein, macht die Tür hinter sich zu und tagt dann, dass es nur so kracht. Das gegenwärtig neueste „Event Center“ der Hauptstadtregion steht in Geltow, das angeschlossene Hotel hat vier Sterne, es duftet am Empfang vermutlich verführerisch nach Lavendel, Oleander und Jasmin – ein perfekter Mix für alles, was die SPD-Spitze morgen auf den Weg zu bringen wünscht.

Allerdings sind dafür nur vier Stunden angesetzt, wenig, wenn sich alle 50 Teilnehmer einbringen wollen – das muss perfekt vorbereitet sein. Peter Strucks Powerpoint-Präsentation „Lafontaine überholen, ohne einzuholen“ hängt also schon am Beamer, die Untermalungsmusik „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ in der coolen Lounge-Version wartet auf der Festplatte auf ihren Einsatz; damit ist der Event-Charakter des Ereignisses fürs Erste gesichert.

Doch ohne echte Überraschungen geht es nicht. Deshalb entfernt sich Frank-Walter Steinmeier, der an diesem Wochenende angeblich überhaupt nicht Kanzlerkandidat wird, nach kurzer Zeit und springt dann, zack, aus einer riesigen Vollkorntorte. Um Kurt Beck einzubinden, singt der Elternchor der Potsdamer Waldorf-Schule den jüngst gefundenen Bach-Choral mit dem leicht geänderten Text „Alles mit Kurt und nichts ohn’ ihn“. Der Hotelservice serviert Latte macchiato im ganz großen Glas, und die draußen wartenden Journalisten dürfen herein.

Denkbar wäre auch nach US-Vorbild die Wahl einer Vizekanzlerkandidatin, die fraglos auf die Gouverneurin der linksbürgerlichen Stimmungszone, Andrea Nahles, hinausliefe. Sie würde schwören, dass ihr Lebensgefährte nie betrunken beim Autofahren erwischt wurde, und dann mit Sang und Klang zum Schwielowsee marschieren, um sich Beck und Steinmeier anzuschließen, die soeben trockenen Fußes zum anderen Ufer wandeln. Ein Ereignis, das als „Wunder von Geltow“ in die Geschichte eingehen wird!

Anderntags lässt Angela Merkel vorfühlen, ob die CDU so was Tolles an der Müritz eventuell auch hinbekäme. Das Rennen bleibt offen.

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