Matthies meint : Am Ende siegt die Kohlroulade

Das deutsche Nationalsymbol ist das schlechte Gewissen. Wir wollen alle ganz doll öko leben, löschen das aus Sparlampen ohnehin nur noch zäh heraustropfende Licht, wo es nur geht, wir lassen das Auto im Kälteschlaf verharren, um auf dem S-Bahnhof festzufrieren, wir werfen jegliches unzertifizierte Fischfilet ins Meer zurück und suchen bei eventuell aufkeimenden rassistischen Reflexen sofort die nächste Beratungsstelle auf. Ein Vorbild für die Welt!

In unserer fast makellosen Öko-Bilanz macht jetzt im Grunde nur noch das Fleischessen Ärger. Berlin ist die Kapitale der Currywurst, schätzungsweise jeder einskommasechste Arbeitsplatz hängt daran, am Döner oder Eisbein; dieser Fluch kann nur von ganz oben gebrochen werden. Kein Wunder, dass sich gegenwärtig der Bundestag mit einer Initiative der Grünen zum Veggie- Tag befasst, die das Hohe Haus bereits zu spalten droht.

Dummerweise sagt uns niemand konkret, was das eigentlich genau ist, ein Veggie-Tag. Es handele sich um „eine Maßnahme zur Bewusstseinsbildung für vegetarische Politik“, heißt es bei Wikipedia, aha. Es scheint also eine Parallele zum autofreien Sonntag vorzuliegen, der ja auch von allen begrüßt und von niemandem befolgt wurde. Doch Veggie-Tag ist, wenn überhaupt, immer entweder am Montag oder Donnerstag, vermutlich, weil es am Sonntag keiner merken würde. Und bitte: Niemand will uns was verbieten, es soll nur aufs Bewusstsein eingewirkt werden.

Offenbar ist also nicht vorgesehen, das parlamentarische Fleischessen abzuschaffen, das ist schon mal okay. Die Bundestagskantine offeriert wie jede andere sowieso jeden Tag vegetarische Gerichte, sie kann nicht gemeint sein mit dem Veggie-Tag. Dennoch kursiert inzwischen eine Liste, auf der sich die Abgeordneten bekennen, dafür oder dagegen. Man könnte generell sagen, dass sich eine rot-rot-grüne Mehrheit für das Projekt abzeichnet, während das alte bürgerliche Lager dagegenhält, gestützt vor allem von der FDP.

Allerdings gibt es Abweichler nach beiden Seiten, und vier Abgeordnete von SPD und CDU enthalten sich sogar. Das spricht für ausgeprägtes Sicherheitsdenken, man weiß ja nie, wer später beim Eintritt in den Parlamentarierhimmel grad das Sagen hat. Gestandene Politikprofis haben deshalb stets für die Kohlroulade votiert. Da ist Gemüse dran, Fleisch aber auch, das passt immer. Kohlrouladentag? Am Mittwoch ließe sich das noch einrichten.

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