Matthies meint : Aquaplaning ohne Partitur

Auch Kommentatoren werden ab und zu vom Endzeitgefühl geplagt. Wir haben am Freitag die wohl vorletzte Stoiber-Rede gehört, haben am Donnerstag seinem vermutlich letzten Talkshow-Auftritt beigewohnt. Und was nun? Huber? Hm. Beckstein? Jesses. Söder? Moment: Wer?

Und auch Stoiber hätte seinen Abschied ein wenig pointenreicher ausgestalten können; die Ernte ist mager ausgefallen. Der eine oder andere hat sich darüber beölt, dass Stoiber bei Maybrit Illner auf die Frage, wie man ihn denn künftig anreden solle, einen Stoiberismus der C–Kategorie formuliert hat: „Als Herrn Stoiber. Genau wie Sie.“ Das Protokoll notiert schallendes Gelächter – aber dies dokumentiert vor allem den absoluten Willen des Publikums, jede kleine unfreiwillige Bodenwelle als Hochgebirge zu nehmen, wenn sie nur von IHM persönlich aufgeschüttet wurde.

Die Rede, na immerhin. Wir müssen uns das ja so vorstellen, dass die Referenten ihrem scheidenden Chef was vorgezuzelt haben. Viel Weißwurstiges übers ruhmreiche Bayern und seine bedeutende Partei, ein wenig einfühlsame Sozialkritik als süßen Senf, dazu als Brez’n kerniges Gedonner in Richtung der Sozis. Aber die Pointen?

Früh, beim Aufbruch in Wolfratshausen, wird es geregnet haben. „Passen’s auf“, mag Karin dem Fahrer gesagt haben, „da hat’s dös Aquaplaning!“ Und prompt bekamen die Sozis später hingerieben, bei ihnen gehe das „programmatische Aquaplaning“ weiter.

Das ist ein hübsches Bild, das freilich erklärt werden will. So vielleicht: Unten auf der Straße liegt das Godesberger Programm. Es hat vom Treiben der alten Fahrensmänner über die Jahre tiefe Spurrillen abbekommen. Gerhard Schröder musste also die Bauleute schicken, die alles mit Hartz zugeschmiert haben, was aber die Rillen nur vertiefte. So reichte eine kleine Lafontaine, um die Partei hilflos in den Graben der Politikunfähigkeit rauschen zu lassen.

Gut, ja, das war jetzt nur ein Versuch in Sachen Stoiber-Astrologie. Er hat die Interpretation überdies durch die Formulierung erschwert, Kurt Beck sitze am Klavier, habe aber keine Partitur. Tja. So eventuell: Beck hockt auf einem ächzenden Schemel, verzweifelt nach dem Dominantseptakkord suchend, während das Klavier steuerlos den Irschenberg hinunterdonnert, geradewegs in die Spurrillen des Programms …

Ach, da ist so viel, was Stoiber uns nicht mehr sagen konnte.

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