Matthies meint : Bauer sucht Kalender

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Es mag noch ein paar hartleibige Digitalverweigerer geben, die den Wandkalender benötigen, um zu wissen, welcher Tag grad ist. Viele sind es nicht, und deshalb geht es mit der gesamten Kalenderkultur bergab. Täglich eine Weisheit zum Abreißen aus dem Eingemachten von Marie von Ebner-Eschenbach oder den Geistesblitzen von Lichtenberg – das ist für unseren Alltag ungefähr so wichtig wie ein Posthorn fürs E-Mail-Verschicken. Und auch die großformatigen Sachen wirken irgendwie durchfotografiert, die Quallen des Stillen Ozeans sind uns genauso vertraut wie die Kirchen von Santorin und die Giftpflanzen des Südkaukasus.

Aber, wie der Zeitgeist nun mal so will: Sex geht noch. Unter Mitteleuropas Landwirten ist eine seltsame Unruhe ausgebrochen, sie drängen, soweit sie jung und schön sind, danach, ihre nackten Leiber in Jungbauern-, respektive Jungbäuerinnenkalendern zu zeigen; auch der Winzerstand ist schon angesteckt. Und das Zeug verkauft sich.

Warum, ist allerdings schwer zu sagen. Denn die Bilder sind eigentlich haarsträubend doof. Chloe, die Schweizer Jungbäuerin, hat gerade – schulterfrei – gebuttert und leckt nun am Zeigefinger. Die angehende Agronomin Manuela wacht von einem weißen Bett aus über 60 Kühe und 300 Schweine, und Corinna, die begeisterte Traktoristin, sitzt mit der Axt auf dem Hauklotz, während ihre Brüste den prallen Overall … Das Prinzip dürfte klar geworden sein, auch ohne stützende Illustration.

Und es zieht Kreise. Aus dem Sächsischen wird die Fertigstellung des Studentinnenkalenders der TU Dresden gemeldet, über den die „Welt“ die denkwürdige Zeile „Geist ist geil“ gesetzt hat. Und aus Mexiko hören wir, dass die Stewardessen einer wirtschaftlich havarierten Fluglinie soeben einen Kalender produziert haben, in dem sie sich leichter bekleidet zeigen als jemals in ihrer beruflichen Kerntätigkeit.

Alle machen es – also stellt sich die Frage nach dem Sinn. Bzw.: nicht mehr, wenn es sowieso alle machen. Generell geht es wohl darum, dass sich eine Bevölkerungsgruppe in der öffentlichen Wahrnehmung vernachlässigt sieht und deshalb den Fotografen bestellt. Der gedankliche Schritt zum Jungpolitiker- und Jungpolitikerinnenkalender ist klein. Wer macht den Anfang?

Pssst: Für die FDP läge darin schon fast die letzte Chance für alle Wahlen ab ca. Advent 2011. Die Politikverdrossenheit wäre damit zumindest in einem Randbereich so gut wie weggeblasen. Und etwas Geld käme auch noch rein.

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