Matthies meint : Bei Werbung Mord

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Wo waren Sie am Sonntag zwischen 20 und 22 Uhr? Die „Tatort“-Stories können gar nicht so sozialtraurig, abwegig zusammengeschustert oder auch komplett durchgedreht und abgefahren sein, dass niemand mehr hinsieht. Doch das liegt vermutlich weniger an den Filmen selbst als an der Tatsache, dass sie nicht und niemals von Werbung unterbrochen werden. Das allein ist schon, sagen wir, drei Euro Gebühren pro Monat wert.

Die ARD kann also nicht gemeint sein, wenn die europäische Kommissarin für die Digitale Agenda (Echt! Das gibt es, sie heißt intern auch „Piratenchefin“), wenn also Neelie Kroes europäische Fernsehprogramme soeben dafür rügt, dass sie mehr Werbung als erlaubt senden. Aber ein paar in Deutschland beliebte Privatsender kämen dafür durchaus in Betracht, und man wird in Richtung EU sagen dürfen: Jawohl, das ist ein wesentlich populäreres Unterfangen als beispielsweise der Versuch, die Mineralölsteuer noch weiter hochzuquatschen.

Aber dieser Ansatz reicht nicht weit genug. Denn das Ärgernis TV-Werbung wird ja dadurch verschärft, dass die betreffenden Sender enorme Mühe darauf verwenden, die Spots nicht einfach wegzusenden, sondern uns damit maximal auf den Geist zu gehen. Sie hacken damit die letzten zwei Minuten eines Films ab, klemmen schwachsinnige Eigenwerbung an den Bildrand, foltern uns mit Quizfragen für Hirntote. Und wenn da steht „Nur ein Spot“ oder „Nur noch 30 Sekunden“, dann ist das ungefähr so angenehm wie ein Zahnarzt, der ankündigt, dass es jetzt kurz noch mal ein wenig wehtut.

Was daran so schmerzt, ist ja weniger die Werbung selbst als der Eindruck, dass wir von den Verantwortlichen für debile, volltrunkene Schnarchsäcke gehalten werden. „Die liegen beim Sehen sowieso im Halbkoma“, denken sie und wollen uns deshalb beim Einsetzen der Werbung durch verdoppelte Lautstärke reanimieren. Kawumm!, sagt es dann, wir wachen auf und schwören verdattert, morgen dieses Superbrunft-Deo zu kaufen oder Halbfettmargarine fortan doppelt dick aufs Brötchen zu schmieren.

Nein, das tun wir eben nicht, und Neelie Kroes ist herzlich eingeladen, sich das mal in echt anzuschauen. Helfen wird es nichts, aber immer mehr Zuschauer werden merken, wie schön sich mit DVD-Boxen glotzen lässt, weil da nur Programm drin ist und sonst nichts.

Falls mal wieder ein Thema für den „Tatort“ gesucht wird: Wie wäre es mal mit einem Serienmörder, der TV-Programmplaner in die Luft sprengt? Abwegiger als der Abgang von Kommissar Batu am Sonntag ist das auch nicht.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben