Matthies meint : Beleidigtsein – aber richtig

Die allgegenwärtige Kritik am Fernsehen beruht auf einem grundsätzlichen Missverständnis. Es liegt nicht am Gerät! Denn es ist nicht möglich, das Programm durch Vergrößerung des Bildschirms oder durch Anhängen des Geräts flach an die Wand auch nur um eine Winzigkeit zu verbessern – es bleibt, wie es ist. Insofern sind all jene unter uns, die kürzlich kurz nach Mitternacht an der Massenschlägerei im Fachmarkt am Alexanderplatz teilgenommen haben, schlicht angeschmiert.

Zur Klärung dieser Sachlage ist es also sehr zu begrüßen, dass soeben wieder der Preis des beleidigten Fernsehzuschauers vergeben wurde. Doch wodurch fühlte sich dieser Zuschauer beleidigt? Vor allem durch eine frenetisch brüllende Horde, die die Gäste des Deutschen Fernsehpreises begrüßte, als handele es sich bei diesen um Tokio Hotel feat. Papst Benedikt. Oh, erfahren wir verdutzt, diese Leute sind da eigens hingekarrt und fürs Schreien bezahlt worden. Abgründe!

Andererseits: Warum sollte irgendjemand, der nicht komplett ballaballa ist, so hysterisch herumkreischen, ohne dass ihn jemand dafür bezahlt? Und liegt die Beleidigung nicht eher darin, dass man den Zuschauern diesen Irrglauben unterstellt? Auch die Plätze zwei und drei der Beleidigte-Zuschauer-Umfrage wirken bei näherem Hinsehen ein wenig fragwürdig. Dieter Bohlen, nun ja, ein Auslaufmodell seit Jahrzehnten. Er wird zu Superstar- Shows eingeladen, weil niemand sonst die dort grassierenden Stümper so bündig niedermachen kann. Doch beleidigt das den Zuschauer? Wäre er nicht eher und zu Recht empört, wenn Bohlen plötzlich im Stil eines Sozialarbeiters Trost und Rat spenden würde?

Oder Thomas Gottschalk, Platz 3: Er hat einen Kandidaten, der wetthalber Bierdosen auftürmte, mit der Anmerkung verspottet, er baue da offenbar „Hartz-IV-Stelzen“. Hu, das ist geschmacklos, da hatte er sofort die komplette Linkspartei inkl. Vorsitzendem gegen sich; offenbar ist der beleidigte Fernsehzuschauer mit dem übelnehmerischen weitgehend identisch. Man möchte ihm den Themenabend bei Arte anraten, der diesbezüglich ganz und gar unverdächtig ist.

Wie uns die Zeitschrift „Video“ soeben mitteilt, kann es bei Flüssigkristall-Bildschirmen zu Einbrenneffekten kommen. Dagegen hilft es, das Antennenkabel abzuziehen und ein paar Tage lang nur Rauschen zu zeigen. Wir ergänzen: Das hilft auch gegen Beleidigtsein und gibt uns den Glauben an die Qualität des deutschen Fernsehens zurück. Und es geht notfalls sogar ohne Flachbildschirm.

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