Matthies meint : Brandenburg und der böse Wolf

Die hier vorgesehenen Bemerkungen zum Siegeszug der deutschen Mannschaft entfallen aus gegebenem Anlass. Stattdessen: Brandenburg und der Wolf. Das Land hat eine Vereinbarung mit dem Internationalen Tierschutz-Fonds geschlossen, um, wie es heißt, eine „stärkere Akzeptanz“ des Wolfs in der Öffentlichkeit zu erreichen.

Richtig ist, dass der Wolf ungefähr seit seinem Festmahl mit den sieben Geißlein in deutschen Fachkreisen als böse gilt. Auch Rotkäppchens knappes Überleben konnte seine Akzeptanz nicht stärken. Erst moderne Mittel lassen einen neuen Anlauf zu, und dazu gehört beispielsweise das sogenannte wissenschaftliche Wolfsmonitoring. Der Wolf wird dabei ohne Rücksicht auf seine Privatsphäre kontinuierlich beobachtet, nur auf der Toilette soll sein Hintern nach einem Einspruch des Datenschutzbeauftragten verpixelt wiedergegeben werden.

Große Aufmerksamkeit gilt dem regelgemäßen Verhalten des Wolfs. Seine Laufwege werden mit Infrarot- Fotofallen bestückt, die akkurat festhalten, falls er beim Verfolgen von Beutetieren die zulässige Höchstgeschwindigkeit überschreitet. In diesen Fällen droht ihm die medizinisch-psychologische Untersuchung; der Begriff „Idiotentest“ wurde in der Vereinbarung allerdings als wolfsverachtend eingestuft und darf deshalb offiziell nicht verwendet werden.

Als wichtigstes Mittel zur Popularisierung des Wolfs in der brandenburgischen Bevölkerung gelten regelmäßige Fernsehauftritte. In Planung befindet sich die RBB-Talkshow „Generation Wolf“, in der wichtige Vertreter der regionalen Population auf namhafte Kreuz- und Querdenker wie Wolf Schneider, Christa Wolf und Heiner Geißlein treffen sollen. Guido Knopp vom ZDF arbeitet bereits an einer Dokumentation mit dem Titel „Was in der Wolfsschanze wirklich passierte“.

Vorgesehen ist ferner, dass sich Margot Käßmann in regelmäßigen Abständen empört über den Umgang des Menschen mit seinem Mitgeschöpf äußert und Gregor Gysi den neoliberalen Diskurs als äußersten Ausdruck des kapitlistischen Wolfsgesetzes verurteilt.

Insgesamt sollte damit die Akzeptanz des Wolfs in der Mitte der brandenburgischen Gesellschaft gesichert sein. Als letzter Schritt ist die Umbenennung Potsdams in „Neu Wolfsburg“ geplant. Allerdings muss sich noch jemand finden, der Günter Jauch diesen Teil des Plans nahebringt.

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