Matthies meint : Das andere Wort für Affäre

Ist ein größerer Gegensatz denkbar als der zwischen Island und Deutschland? In Reykjavik haben sie grad einen TV-Komiker zum Bürgermeister gewählt. Und die Deutschen sind nach einer aktuellen Umfrage die größten Pessimisten Europas. In Islands Hauptstadt wird es künftig Handtücher in den Schwimmbädern gratis geben – und in Stuttgart keinen Porsche für den Landtagspräsidenten.

Dienstwagen, das ist in unserem Land ja praktisch ein anderes Wort für „Affäre“. Wir akzeptieren zwar, dass unsere oberen Politiker mit einem fetten Benz vorfahren, Horst Seehofer darf auch mit dem BMW kommen, Bayern, klar, und der jeweilige Umweltminister muss mit was Kalorienarmem vorfahren, der Symbolik wegen. Aber jegliche Abweichung wird bestraft.

So ging es also dem Stuttgarter Landtagspräsidenten Straub, der sich in einen Porsche verguckt hatte. Das erzschwäbische Unternehmen produziert seit einiger Zeit einen geräumigen Fünfsitzer namens Panamera, und dieses Auto wäre zu den gleichen Konditionen zu haben gewesen wie der Benz, S-Klasse, den Straub vorher benutzt hat.

Um Gottes willen! Dass ein hoher Politiker Spaß an einem Vorzeigeprodukt seines Landes haben und es auch vorzeigen könnte, ist in der allgemeinen deutschen Sauertöpfigkeit nicht mehr vorgesehen. Sogar die FDP, der man alle Schandtaten zutraut, gibt sich irritiert, die Grünen schäumen und teilen mit, der Landtag sei „kein Rennsportverein“, als könnte der Präsident nicht auch in der althergebrachten S-Klasse mit Tempo 250 von Termin zu Termin eilen, wenn er will.

Nun wäre ja allerhand denkbar, zum Beispiel, dass Baden-Württemberg alle Politiker-Dienstwagen abschafft oder sich keine neuen mehr zulegt oder seine Amtsträger nur noch mit Polo und Vespa durchs Ländle schickt – dann wäre die Absicht, einen Porsche anzuschaffen, durchaus verwerflich. Aber davon ist keine Rede. Dennoch: „Ein missverständliches Signal“, sagt der CDU- Fraktionschef zum Porsche, so, als habe sein Landtagspräsident die Absicht geäußert, sich fortan von acht Hartz-IV-Empfängern in der Sänfte zum Dienst tragen zu lassen.

Der Bürgermeister von Reykjavik hat seinen Wählern übrigens einen neuen Eisbären für den Zoo versprochen. Mit einem Porsche hätte er im kleinen Island wohl auch nur wenig anfangen können.

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