Matthies meint : Das Geld muss absorbiert werden

Wer aus dem Urlaub zurückkommt, der kann viel erzählen. Über Finanzhilfen! Man fährt durch verlassene Dörfer, rechnet minütlich mit dem Auftauchen erster Eselskarren, denkt „denen müsste doch mal jemand unter die Arme greifen!“ – und zack, steht da plötzlich hoch überm Meer eine blitzsaubere Designer-Kunsthalle, flankiert von einer menschenleeren Bibliothek mit Kantine, deutschen Markenarmaturen und Veranstaltungssaal, die die Handschrift eines wagemutigen Architekten trägt. „Kofinanziert von der Europäischen Union“ steht dann draußen, sinngemäß, auf einem hübsch polierten Messingsschild, und wir denken: Na bitte, geht doch.

Doch die Auffassung trügt, Geld werde schon ausgegeben, wenn es erst einmal da sei. Das zeigt sich dieser Tage in der Slowakei, die ja keineswegs zu den goldgeflitterten Top-Performern dieser Welt zählt, sondern einen durchaus noch rustikalen Eindruck macht. Dieses Land wird nun von der EU bedrängt, es solle doch zum Teufel endlich die bereitstehenden Finanzhilfen auch ausgeben. Die Kommission droht sogar mit der Entsendung eines Experten, der die, wörtlich! „Aufnahmefähigkeit“ für Finanzhilfen verbessern werde. Und der Ministerpräsident knickt ein, beschuldigt seine Vorgängerin und sagt: „Wir werden jetzt unser Bestes tun, die Mittel zu absorbieren.“

Ja. Absorbieren. Es entsteht langsam der Eindruck, dass es vielleicht am Geld selbst liegen könnte. Es liegt zäh herum, verstopft Konten und Depots derart, dass die Verantwortlichen kaum noch zur Tür hereinkommen, es wuchert wie eine illegal eingeschleppte Pflanze, und man wird argwöhnen dürfen, dass nicht wenige Menschen, die mit Geld in Kontakt kommen, schwere allergische Symptome entwickeln. Hatschi! Günstigstenfalls.

Deshalb sind die Absorber so wichtig. Nummernkonten! Luftdichte Tresore! Stiftungen! Ohne diese genialen Einrichtungen hätte das Geld uns längst überwuchert. Finanzbeamte würden im Morgengrauen an der Tür klingeln und uns die Euros eimerweise hereinschaufeln, würden uns beschuldigen, viel zu hohe Einkünfte angegeben zu haben, und uns ungefragt Pauschbeträge für nicht existierende Pflegekinder aufschwatzen, damit nur endlich das Geld von der Straße kommt.

Deshalb ist die Slowakei nun überall. Saugt sie die Mittel auf, wird alles gut. Sonst müssen wir womöglich noch mehr Kunsthallen an Europas arme Küsten mörteln.

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