Matthies meint : Das Innenleben des Auflaufs

Wohin steuert die Bundesrepublik denn nun bloß? Noch vor einigen Wochen schien es, als sterbe sie trocknend unter der gnadenlosen Sonne des Klimawandels – doch plötzlich frieren in Frankfurt die isländischen Konten ein. Der Weltuntergang fühlt sich fast schon an wie ein Freund, der uns die schmerzfreie Lösung der Finanzprobleme verspräche, käme er nur rechtzeitig … Wir starren auf den Dow Jones wie der Notarzt auf den Herzmonitor und überlassen die theatralisch kalbenden Gletscher vorerst unserem Umweltminister und seinen computergestützten Professoren des Schreckens.

Doch das ist natürlich nur die medial vermittelte Oberfläche. Wer mehr und Realistisches über Deutschlands Weg wissen will, der schaut in die Bestsellerlisten, wo sich abzeichnet, was den Bundesbürger wirklich bewegt. Die drei höchsten Einsteiger der vergangenen Woche laut „Focus“ sind nun keineswegs Ratgeber wie „Goldbarren selbst gemacht“ oder „Liebe dein Geld, dann ist es egal, wen du heiratest“. Sondern: „Der Bohlenweg“ von Dieter Bohlen, „Aufläufe von A–Z“ von Dr.Oetker und „Liebling, ich komm später“ von Désirée Nick. Dort oben behaupten sich übrigens auch die Werke „Kleine Kuchen m. Kaiser-Springform“, „Das Kochgesetzbuch“ sowie der „Niedertemperaturgarset“ von Gräfe & Unzer.

Hat das nicht was Beruhigendes? Der Deutsche sehnt sich nach Sättigung, geistig wie körperlich, da mögen draußen die Aktiengewitter noch so tosen. Er verfolgt den Weg eines talentfreien Tastendrückers zum Popmusiktitanen, er erkundet das Innenleben des Auflaufs, der in seiner undurchschaubaren, aber schnörkellos sättigenden Physis eine Art Angela Merkel der internationalen Küche ist. Und wenn dann noch Zeit ist, liest er lieber was Anzügliches übers Schnackseln als den neusten Globalisierungsschocker.

Dieser Hedonismus wirkt fast schon wieder ein wenig realitätsfern. Wer führt die Themen zusammen? Gesucht wird ein durchsetzungsfähiger „Bankentester“, der unaufgefordert in die maladen Institute eindringt, angeekelt mit dem Finger über schmierige Dispozinsen und blutverkrustete Hedgefonds fährt, halb aufgetaute, schimmlige Finanzmarktprodukte wegschmeißt und dem Filialleiter klarmacht, dass nichts besser ist als frisches Bargeld, à la minute ausgezahlt.

Das wird ein gigantischer Erfolg! Und wir können uns endlich wieder vor dem Klima fürchten.

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