Matthies meint : Das Wichtige steht in der Zeitung

Das ist mal ein Wochenanfang! Der Papst hört auf, Frank Schirrmacher beerdigt den Kapitalismus, Silvio Berlusconi pirscht sich in den letzten Umfragen wieder an die Regierung – man könnte also durchaus sagen, dass hier gleich mehrere Zeitenwenden auf einmal eintreten. Und es ist durchaus unklar, ob sie sich nun gegenseitig neutralisieren oder jenen geistig-moralischen Tsunami erzeugen, den Kulturpessimisten seit Jahrhunderten praktisch täglich erwarten.

Da mag es ein beruhigendes Zeichen sein, dass wenigstens der deutsche Regiervollzug noch ganz in den ungeordneten Bahnen verläuft, in denen wir ihn vermuten. Kürzlich zum Beispiel hat sich Umweltminister Altmaier von der CDU ein paar Gedanken gemacht, wie sich die aller Vernunft entlaufenen Strompreise bändigen ließen, und der Kollege Rösler von der FDP las davon in der Zeitung.

Das bewährte Koalitionsprinzip „Wie du mir, so ich dir“ ließ in dieser Situation nur eine Reaktion zu: Rösler musste eigene Gedanken zum Thema in die Welt setzen, und zwar so, dass auch der Kollege Altmaier davon aus der Zeitung erfahren würde. Das ist ihm glänzend gelungen. Das Sahnehäubchen auf dem Intrigenkuchen kam von Regierungssprecher Seibert, der treuherzig mitteilte, es gebe keinerlei Kommunikationsproblem zwischen den Ministern.

Alle Modernisierungsforscher wissen, was da passiert ist: Die zuständigen Sekretariate haben sogenannte Faxgeräte benutzt. Dabei handelt es sich um eine historische Technik, die dazu führt, dass der Faxempfänger einen Haufen Papier bekommt, den er sofort wegschmeißt, weil wirklich Wichtiges ohnehin per Mail kommt. Faxe drängeln sich übrigens auch manchmal in die E-Mail, aber niemand findet sie dort wieder.

Das ist also das Bild, das unsere Regierung dieser Tage bietet. Die Kanzlerin rettet die Welt mal hier und mal dort und nimmt ab und zu Rücktritte ihrer Minister entgegen, während die noch nicht zurückgetretenen Minister Vorlagen produzieren, die problemlos in jede Redaktion vordringen, aber innerhalb der Bundesregierung an der Faxschranke scheitern. Und die Strompreise steigen derweil so schnell weiter wie die Umfragewerte von Berlusconi.

Bei der Gelegenheit: Der ist ja momentan, glücklicherweise, Ex-Ministerpräsident. Aber wie nennt man einen zurückgetretenen Papst? Ex-Papst? Altpapst? Papst der Herzen? Vorschläge bitte an den Tagesspiegel. Aber lieber nicht per Fax.

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