Matthies meint : Das Wort hat Bürgermeister Ude

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Christian Ude ist Münchens Klaus Wowereit, selbe Partei, ähnlicher Job, nur irgendwie höher angesehen. Das liegt zum einen daran, dass er grad keinen Flughafen bauen muss, und zum anderen daran, dass er alljährlich im September einen Beweis seiner ungebrochenen Regierungsfähigkeit antreten kann: Er treibt auf dem Oktoberfest den Zapfhahn ins erste Bierfass und benötigt dazu in der Regel zwei Schläge, Allzeitrekord. Ein Vorgänger hat mal 18 gebraucht und dabei sich und seine Umgebung furchtbar eingesaut, ein Desaster; das Hole-in-one würde als einziger Chuck Norris schaffen, aber den lassen sie in Bayern nicht ran.

Ude also will Ministerpräsident werden und hat dazu bei einer Salzburger Werbeagentur eine virale Kampagne in Auftrag gegeben. Das heißt: Man macht was extrem Dussliges und freut sich dann darüber, dass man ins Gerede kommt. Ude posierte für ein Plakat mit der fetten Zeile: „Ein Ministerpräsident, der Wort hält“. Darunter ist er selbst zu sehen, wie er, breit grinsend, mit beiden Händen das Wort „Wort“ festhält.

Echt. So was klebt da unten. Wort! Die historisch überlieferte Auffassung, Wahlplakate sollten Inhalte transportieren, ist damit endgültig zu Grabe getragen und verbuddelt. Im Internet sind – virale Kampagne! – inzwischen alle nur erdenklichen Varianten durchgespielt worden, Ude, wie er „Die Klappe“ hält, wie er einen riesigen Nilpferdrachen aufsperrt („..der das Maul hält“) – und so weiter.

Jeder, der sich ein wenig mit Salzburgern auskennt, der weiß, dass sie dort irgendwas anderes rauchen als wir Deutschen, aber das gelegentlich durchaus mit Erfolg. Nun hoffen natürlich alle Zaungäste, dass noch was Kongeniales nachkommt. Werden wir einen SPD-Politiker sehen, der höchstpersönlich „vor Seehofer liegt“? Mit einem Hefeweizen in der Hand „Maß hält“? Der „Die Herzen“ erreicht?

Ude ist schon jetzt der Kalauer-Kini. Sollte er auch einen Wahlerfolg erreichen, wird das Modell garantiert durchgepaust. Ist es auf Berlin übertragbar? Klaus Wowereit, der Bürgermeister, der „den Flughafen“ öffnet? Das ist schwer zu visualisieren, man brauchte eine Dose, auf der groß „Der Flughafen“ steht, und Wowereit würde daran mit einem goldenen Öffner herumhebeln, dass das Blech sich nur so hochbiegt.

Aber ist das glaubhaft? Besser wäre vermutlich, Ude würde sich für den Dienst in der Hauptstadt melden. Ein Bierfass treiben wir für ihn locker auf. Und ein „Wort“ notfalls auch noch.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!