Matthies meint : Der kleine Flughafen in der Krippe

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Es sind nun mal Zeiten, in denen allerhand durcheinandergeht. Wir lesen Zeitung, klicken im Internet herum, geben auch den guten alten „Tagesthemen“ eine Chance. Aber wer soll das alles noch verstehen oder doch wenigstens im Kopf verwalten, was da inhaltlich über ihm zusammenbricht?

So muss es auch Hartmut Mehdorn gegangen sein, als er sich am Wochenende mal wieder zum Flughafenzeitplan äußern sollte. Bitte, er äußert sich, das ist schon mal ein Vorteil gegenüber dem Vorgänger, man wird sogar sagen müssen, dass Mehdorn ein quasi erotisches Verhältnis zur zugespitzten Äußerung hat, er ist gewissermaßen der Klitschko der Presseinformation. Ach was: Er ist die Klitschkos, alle beide.

Mehdorn also hatte offenbar was vom Evangelischen Kirchentag mitbekommen, dessen Botschaft sich auf die Formel zusammenfassen ließe: Lieber was Gutes, aber dafür von allem ein bisschen mehr. Die Christen, so wird Mehdorn gefolgert haben, besitzen eine spezifische Glaubwürdigkeit, sie bekommen von oben gegeben, was von unten allein nicht kommt – und schon war er in der christlichen Metaphorik angekommen, um zu erklären, was erklärt werden musste.

Räusper, los jetzt. „Natürlich ist es so, dass wir da nicht warten, bis irgendwo so’n Türchen aufgeht am 24. Dezember, und dann liegt der kleine Flughafen in der Krippe, sondern es wird eine schrittweise Inbetriebnahme geben.“

Die rhetorische Meisterschaft des Flughafenchefs beweist sich hier in mehrfacher Hinsicht. Ins Auge sticht die elegante Verbindung zweier disparater christlicher Motive: Es öffnet sich ein Türchen am 24. Dezember, das erinnert an den Adventskalender, und dann liegt der Flughafen in der Krippe, das verweist pfeilgerade auf das Jesuskind, das ja einst winzig klein in der Krippe lag und dann doch eine Bedeutung gewann, von der sich sagen ließe: Ja, sie übersteigt sogar jene des neuen Flughafens.

Aber halt, so ist es ja gerade nicht. Denn, so sagt Mehdorn, es geht eben kein Türchen auf und schon gar nicht am 24. Dezember. Sondern es müssen in harter Kärrnerarbeit Türen um Türen geöffnet werden, und hinter ihnen liegt eben kein kleiner Flughafen, sondern oft nur ein kaputter Brandmelder oder eine unbezahlte Rechnung. Und damit ist auch klargestellt, dass Mehdorn sich keinesfalls in der Rolle des Hl. Geistes sieht. Den Job hat er erst ins Auge gefasst, wenn Schönefeld fertig ist.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!