Matthies meint : Der überbackene Kandidat

Die Hamburg-Wahl am Sonntag ist die erste deutsche Landtagswahl, die die Möglichkeit des Kumulierens und Panaschierens bietet. Oh, das sind schöne, anheimelnde Worte, deren Klang sofort Bilder wachruft: Wir sehen eine toskanische Bauersfrau mit den bemehlten Armen im Hefeteig, wir sehen knuffige Wolkenberge, die sich über saftig grünen Wiesen erheben, bukolische Szenen mit niedlichen Ferkeln im Heu. Ein Staat, der seine Bürger frei Schnauze kumulieren und panaschieren lässt, das wissen wir ohne Hinsehen, der kann kein schlechter Staat sein, nicht so etwas Fragwürdiges wie das Kosovo oder die autonome Republik Karacho-Abrasien.

Dabei ist die Sache an sich sehr prosaisch. Der Wähler hat fünf Stimmen, die er nach eigenen Vorlieben kreativ auf die Kandidaten verteilen kann. Alle fünf auf die Linke beispielsweise, das wäre kumuliert, die richtige Wahl für den Ihr-da-oben-wir-da-unten-Bürger, der den Etablierten mal so richtig heimleuchten will. Für den Unentschiedenen, der nach den Fernsehdebatten immer meint, es hätten irgendwie alle ein bisschen recht, bietet sich dagegen das Totalpanaschieren an. Je eine Stimme für fünf verschiedene Kandidaten, das ist absolut sicher, das ist das Setzen auf Sieg ohne Risiko.

Nun sind auch andere Kombinationen denkbar. Der heimliche Anarchist wird irgendwas total Beknacktes wählen, zwei Stimmen FDP, drei für die Linke – in der Erwartung, dass der Wahlvorstand dann beim Auszählen alles für ungültig erklärt: So einen Unfug kann doch niemand absichtlich angekreuzt haben!

Weitergehende Modelle sind noch in der Entwicklung. Beispielsweise das Negativkumulieren, bei dem der Wähler einer Partei Stimmen entziehen kann – die muss sich bei einem Minusergebnis auflösen und Wahlkampfkostenerstattung bezahlen. Auch dem Gratinieren werden Chancen eingeräumt, einer Methode, bei der der Wähler dem Kandidaten derart die Hölle heiß macht, dass der nur noch den reinen Bürgerwillen exekutiert. Beim Pochieren dagegen kommen nur Weicheier an die Macht.

Die EU-Kommission drängt übrigens auch auf das Recht der Stimmenmitnahme – man sieht es als Verstoß gegen europäisches Recht, dass Wählerstimmen nur im Herkunftsland gelten sollen. Vermutlich wird Oskar Lafontaine deshalb nach der nächsten Bundestagswahl Großfürst von Liechtenstein. Und jeder Hartz-IV-Empfänger kriegt eine Million steuerfrei bar auf die Hand.

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