Matthies meint : Deutscher im Testverfahren

Deutsch sein, heißt eine Sache um ihrer selbst willen zu tun. Richard Wagner hat das gesagt, und der Satz knarrt vor nationalem Pathos. Aber hier geht es nicht um die Bayreuther Erbfolge, sondern um den deutschen Einbürgerungstest, der nun verbindlich ist. Mit Wagner ließe sich sagen: Wer sich dieser Prozedur um ihrer selbst willen unterzieht, der hat seine Eignung zur Einbürgerung bewiesen. Doch so einfach ist es nicht. Aus einem Katalog von 300 Fragen werden 33 ausgesucht, von denen der Probant 17 richtig zu beantworten hat – dann ist er Deutscher.

Die Gründung einer Beraterbranche steht vermutlich unmittelbar bevor, denn in Fällen von Trunksucht, notorischer Dummheit oder unüberwindlicher Aversion gegen Multiple-Choice-Fragebögen wird es zweifellos einen sogenannten Idiotentest geben, ein medizinisch-psychologisches Gutachten, das die Intentionen des Einbürgerungswilligen klärt: „Seit wann spüren Sie den Drang, Deutscher werden zu wollen?“ Wer hier scheitert, der wird auf Grund der Beobachtungen des Psychologen einem anderen Staat zugewiesen, Liechtenstein beispielsweise, Trinidad-Tobago oder Lummerland.

Es gibt allerdings auch Fragen, die einen Rückschluss auf Sozialisation und Gesinnung zulassen. Wer Frage 21 „Welches ist das Wappen der Bundesrepublik Deutschland?“ unzutreffend in der Art löst, dass er das runde attraktive Wappen mit Hammer und Sichel auswählt und deshalb durchfällt, der kann wenigstens Ostdeutscher werden.

Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, die Prüfung so oft wie nötig zu wiederholen, was eine völkerrechtlich bislang unbekannte Kategorie neben den Deutschen und den Ausländer stellt: den Deutschen im Testverfahren. Wer als Erster alle 300 Fragen gesammelt und zumindest eine davon richtig beantwortet hat, der erhält die Ehrenstaatsbürgerschaft und die Richard-Wagner-Medaille am Bande. Am Ende dürfte dennoch ein durch alle Tests gefallenes Deutsch-Proletariat übrig bleiben, dessen Schicksal nur schwer prognostizierbar ist. Die einfachste Lösung besteht vermutlich darin, dass eine andere Regierung den Einbürgerungstest wieder abschafft. Wer sich bis dahin am besten bewährt hat, der darf bei nächster Gelegenheit für die Intendanz der Bayreuther Festspiele kandidieren. Oder er gewinnt ein Lebenszeit-Abo für zwei Plätze Parkett, erste Reihe. Denn deutsch zu sein heißt auch, die „Meistersinger“ um ihrer selbst willen zu hören.

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