Matthies meint : Die Freiheit der Volkspistole aus dem Internet

Internet? Freiheit! Beides hängt ja ungefähr so eng zusammen wie Angela und Merkel. Eins ist ohne das andere nicht denkbar, davon können viele ein Lied singen, nicht zuletzt „Zensursula“ von der Leyen oder die Deutsche Telekom. Wer im Internet irgendetwas zu behindern versucht, der sieht sich alsbald im Fadenkreuz exquisitester Attacken. Diese Freiheit bedingt leider ein paar Kollateralschäden: Wie man zum Beispiel eine hübsche kleine Bombe baut, so richtig mit Nägeln drin und echt fetzigem Sprengstoff, das findet man eben nicht in der Staatsbibliothek, sondern im Internet.

Das ist schon mal schlecht. Und es wird nicht dadurch besser, dass seit dieser Woche nun auch die Baupläne für eine einfache Schusswaffe aus Plastik im Internet stehen. Die hat damit das Zeug, eine echte Volkspistole zu werden. Gut, es ist nicht ganz einfach, wer sie bauen will, braucht einen 3-D-Drucker, aber die Dinger sind nun keine Geheimwissenschaft mehr, sie drängen vielmehr auf den Markt und werden irgendwann so selbstverständlich sein wie ihre zweidimensionalen Brüder. Kurz: In ein paar Jahren kann sich jeder seine Pistole zu Hause ausdrucken – wie heute die Steuererklärung.

Nennen wir den Erfinder, der bald mit Samuel Colt und Michail Timofejewitsch Kalaschnikow in einem Atemzug genannt werden wird: Es handelt sich um den amerikanischen Jurastudenten Cody Wilson, der unumwunden zugibt: Ja, mit dem Ding kann man Menschen schaden. Aber dafür sei es ja auch genau da! Und das sei zumindest kein Grund, es nicht zu entwickeln und die Baupläne nicht ins Internet zu stellen. Denn irgendwann kommt doch jeder in die Lage, sich den Weg freischießen zu müssen, nicht wahr?

Ja, schon gut: Das freie Internet kann nichts dafür. Und die Waffe kann auch nichts dafür. Denn, wie die amerikanische Waffenlobby ja unentwegt mitteilt, es seien Menschen, die Menschen töten; allerdings tun sie es unangenehm häufig, um nicht zu sagen: fast immer mit Waffen. Das Internet ist aber wieder mal fein raus, solange niemand einen Weg findet, es anderen unmittelbar gewaltsam überzubraten.

Dagegen ist also offenbar nichts zu machen. Hoffen wir, dass irgendjemandem ein passendes Gegenmittel einfällt, wenn der 3-D-Drucker in zehn Jahren auch Nervengas für den Krieg mit dem Nachbarn ausspuckt. Oder es gibt dann schon 4-D-Drucker, mit denen wir uns zurück ins 20. Jahrhundert verkrümeln können.

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