Matthies meint : Die Gerechtigkeitsspirale rotiert

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Wenn ich mal ein Wappentier vorschlagen darf, das den Bundesadler bei Gelegenheit ablösen könnte? Es handelt sich um den Neidhammel. „Was hat der, was ich nicht habe?“ ist die Litanei des schlecht gelaunten Deutschen, und jeder fördert durch kurzes Nachdenken eine Liste zutage. Einkommen, Auto, Häuschen, Vulgari-Klunker und Butzi-Tasche, ach, es gibt so unendlich viel, was wir dem Nachbarn neiden, das ist so, das steckt drin in uns wie Pünktlichkeit, Werkzeugmaschinenbau und Kohlroulade.

Deshalb war es auch ein geschickter Schachzug, dieses Prinzip unter dem Tarnnamen „soziale Gerechtigkeit“ faktisch in den Rang eines Grundrechts zu erheben. Nicht einfach nur Gerechtigkeit, also die Garantie gleicher Rahmenbedingungen, sondern soziale Gerechtigkeit, was an sich nichts anderes bedeutet, aber die gesamte Linkspartei am Leben erhält, und Dutzende von sogenannten Armutsforschern dazu.

Nur die Linkspartei? Sämtliche Parteien. Wir haben jetzt ja das Problem, dass die CSU unbedingt ihr Betreuungsgeld für Eltern durchsetzen will, die ihr Kind nicht in den Kindergarten schicken. Findet das jemand nicht gut, stampfen sie drunten in München derart mit dem Fuß auf, dass die Frauenkirche wackelt. Die CDU spielt widerwillig mit und hat nun eine Idee entwickelt, die auf angewandter sozialer Gerechtigkeit beruht und zur Besänftigung der Betreuungsgeld-Kritiker gedacht ist: mehr Rente für Eltern, deren Kinder vor 1992 geboren wurden.

Beides hat zwar absolut nichts miteinander zu tun, wird aber so verkauft. Denn, nicht wahr, dass Eltern heute Geld fürs häusliche Kindererziehen bekommen, könnte ja all jene erbosen, die dieses Geld früher nicht bekommen haben. Oh, hier liegt Wählerpotenzial, hier wird geschmollt und gegrummelt auf allzu deutsche Art.

Seltsamerweise fordert nun aber niemand, die höhere Rente solle nur jenen Eltern zugutekommen, die keinen Kindergarten in Anspruch genommen haben – das erst wäre wirklich gerecht. Aber vermutlich ist den Verantwortlichen in letzter Minute eingefallen, dass man für diesen Nachweis eine eigene Kita-Unterlagenbehörde gründen müsste, was zwar deutsch, aber komplett unbezahlbar wäre.

Doch so reißen neue schmerzhafte Ungerechtigkeiten auf, die nach Regelung verlangen. Die Gerechtigkeitsspirale steht erst dann still, wenn die Rentenerhöhung auch für jene Eltern garantiert wird, die ihre Kinder heute in den Kindergarten bringen. Denn sie profitieren nicht vom Betreuungsgeld. Ungerecht! So was kann kein echter Sozialpolitiker auf sich sitzen lassen.

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