Matthies meint : Die Masse macht’s

Keine Sorge, auch das war nur ein Aprilscherz. Es kann nämlich keine Rede davon sein, dass die Benutzeroberfläche des neuen iPad (iPads?) zu iSchleim zerfließt, wenn die Finger zu hektisch drüber flitzen. Frei erfunden! Das Gerät, ein sogenannter Tablet-Computer, ist, soweit wir wissen, wohlauf und bereit, den heutigen Sonnabend zum ersten Tag einer neuen Ära zu machen. Heute beginnt in den USA der Verkauf; sollten Sie das hier beim Frühstück lesen, dösen die Wartenden grad noch zeitverschoben vor den Geschäften.

Oh, die einschlägigen Scherze sind alle schon gemacht, nicht nur die zum 1. April. „Pad“ heißt auch so viel wie Tampon, und deswegen kann man mit dem iPad nicht nur alle elektronisch daherfliegenden Texte und Bilder gucken, sondern auch schwimmen, segeln, Tennis spielen, jedenfalls als Frau. Männer können damit sowieso alles machen, sie können kühle Drinks drauf reintragen, vermutlich sogar einen Nagel damit in die Wand schlagen – allerdings fehlt es in dieser Richtung noch an Erfahrungen.

Wer wird zu den ersten Käufern gehören? Vorn liegen natürlich die Fans, die grundsätzlich alles von Apple kaufen, notfalls auch eine iSpülbürste für 199 Dollar, sofern ER (in diesem Fall: Apple-Boss Steve Jobs) sie gesegnet hat. Dann folgen jene, die einfach dabei sein wollen, und die anderen, die eigentlich nicht dabei sein wollen, aber gehört haben, dass man so ein Ding trotzdem braucht. Später sind die Familien an der Reihe: Früher war es so, dass die Zeitung beim Frühstück leicht geteilt werden konnte, wodurch jeder was zu lesen hatte. Ein iPad hat aber weder einen separaten Sport- noch Kulturteil, es kann auch nur mit brutaler Gewalt aufgeklappt werden, also braucht jeder am Tisch eins. Noch unklar ist, ob es möglich ist, bestimmte Texte oder Coupons herauszureißen und an die Pinnwand zu heften; Experten vermuten, dass es dabei irreparabel kaputtgehen könnte. Aber das ehrwürdige Zeitunglesen dürfte ohnehin nicht zu den zentralen Anwendungen gehören. Denn die Zukunft gehört auch hier wieder den Apps, kleinen Anwendungen, die es uns erlauben, jede noch so kleine überzählige Zeit einfach totzuschlagen. Patsch! Beispielhaft sei hier „Drei kleine Fischstäbchen“ genannt, ein Spiel, das endlich die Frage beantwortet, was im Dunkel der Tiefkühltruhe wirklich passiert.

Klang das jetzt kulturpessimistisch? Das war nicht beabsichtigt, und es wäre auch dumm, denn natürlich werden diese Geräte unser zukünftiges Leben bestimmen. Wenn sich damit auch noch eine Latte Macchiato zubereiten ließe, brauchen wir bald nichts anderes mehr.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!