Matthies meint : Die Mauer zurück – aber wie?

Früher, wir wissen es, war alles besser. Die Schweine fetter, das Fernsehprogramm spannender, die Arktis kälter. Abends versammelte sich die Familie vor dem Kamin und spielte Halma, dann folgten Nachtgebet und erquickender Schlaf, bis der Hahn krähte und zum Tagwerk …

Ja, ich meine: grundsätzlich. Jeder hat natürlich seine eigenen Vorstellungen von der perfekten Vergangenheit, und was er davon gern wiederhätte. Allerdings gibt es ein paar Millionen Menschen, die sich diesbezüglich auf ein konkretes Ziel geeinigt haben: Sie wollen die Mauer zurück. 19 Prozent der Deutschen wünschen sich das, im Osten sogar 21 – das hat Emnid herausgefunden.

Die Mauer zurück, okay. Aber so wie damals? Das moderne Deutschland hätte die große Chance, aus der neuen Mauer ein Vorzeigeprojekt mit gigantischen Exportchancen zu machen, wahlweise in Marmor poliert oder matt gebürstetem Inox; ein internationaler Architektenwettbewerb könnte den Weg zu einem architektonischen Weltwunder ebnen, zu einer verglasten Lärmschutzwand von I.M.Pei oder einem mahnend gezackten Mäander von Libeskind. Bei entsprechender Ausgestaltung könnte oben auf der Krone sogar der Transrapid fahren, von Travemünde nach Regnitzlosau, einmal um Berlin herum und mitten durch.

Doch das sind gestalterische Feinheiten, die hinter das eigentliche Problem gehören: das Planfeststellungsverfahren. Bürgerbeteiligung! Informationsversammlungen in Bundesligastadien, Akten mit Milliarden von Einwendungen – dagegen wäre der Bau des Flughafens Schönefeld ein Halbtags-Deckchensticken. Und dabei ist noch kein Wort über die inhaltliche Ausgestaltung der neuen Mauer gefallen. Den Schießbefehl wollen vermutlich nur wenige zurück, aber wie ist es mit den Grenzkontrollen? Es gäbe die Variante mit harten Röntgenstrahlen und Kofferschnüffelei per Hand, aber auch eine Öko-Version mit menschlichem Antlitz: Hostessen in Overalls aus unbehandelter Baumwolle, die hinter Pace-Flaggen zur sanften Leibesvisitation schreiten.

Anders als 1961 wäre es schon aus demokratischen Gründen unmöglich, jeden Einwohner dort festzuhalten, wo er sich zum Zeitpunkt des Baus gerade befindet. Also müssten wir optieren: „Bleibe im Osten“, oder „Mache rüber“. Das ist einfach. Aber was ist mit komplizierteren Aussagen wie „Egal wo, Hauptsache, die Puhdys sind auf der anderen Seite“? Am Ende könnte es also sein, dass die neue Mauer den Gegebenheiten angepasst wird und beispielsweise von Schwedt nach Ueckermünde verläuft. Und das lohnt den Aufwand eigentlich nicht so recht.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!