Matthies meint : Die Qual der Wahl zwischen D und H

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Kreuzberg ist ... Kreuzberg. Jeglicher Vergleich verbietet sich, wenn das Gespräch auf diese besondere politische Einheit kommt, dort ticken sie irgendwie speziell, und langsam scheint auch das angeheiratete Friedrichshain dahinzusinken. Was rauchen die da?

Allerdings: Nepal ähnelt Kreuzberg ein wenig. Nepal hat Unisex-Toiletten in den öffentlichen Toiletten eingeführt, und die Kreuzberger Bezirksverordneten wollen es dem Land nun nachtun. Unisex-Toiletten, das klingt erst einmal cool, es hat diese Judith-Butler-hafte Mischung aus Schärfe und Diskursgier, es will uns letzten Betonköpfen einhämmern, dass Geschlechter nur reaktionäre Phantasmen seien, angenommene Rollen im Weltengetriebe.

Aber es geht um mehr. Das Zauberwort lautet Diskriminierung, und diskriminiert werden Intersexuelle, früher auch „Zwitter“ genannt. Betritt ein Intersexueller beispielsweise das Bürgeramt Kreuzberg und möchte die Toilette benutzen, dann hat er die Wahl zwischen D und H. Das, so sagen Intersexuellenversteher, setzt ihn/sie unter äußersten Stress, weil die Entscheidung für eine dieser beiden Türen ja quasi die Aufgabe einer Hälfte der Existenz ... Sie ahnen, worauf das hinausläuft. Wenn der Staat verhindern kann, dass sich jemand schlecht fühlt, dann darf er keinen Aufwand scheuen.

Die übergroße Kreuzberger Koalition (ohne CDU), die das ändern möchte, kennt allerdings die Finanznöte und verzichtet vorerst darauf, zwischen D und H nun auch noch I einbauen zu lassen. Und so ist die Unisextoilette die einzige realisierbare Lösung, eine für alle. Gut, es gibt auch noch Behindertenklos, aber... HAT HIER JEMAND INTERSEXUELLE BEHINDERT GENANNT? Oh, oh.

Nun weiß niemand, wie viele Intersexuelle es in Kreuzberg gibt und ob sie überhaupt öffentliche Toiletten benutzen. Aber egal: Sobald eine im gendertheoretischen Sinn bedeutsame Minderheit ihre Stimme erhebt, beeilen wir uns, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Ob andererseits mal jemand gefragt hat, was speziell Frauen davon halten, dass sie künftig in Kreuzberg zur Benutzung von Stehpinklerklos genötigt werden? Ah, Entschuldigung, Frauen sind ja nur ein soziales Konstrukt. Sollen sie halt auch im Stehen ...

Ein anderes großes Thema ist der Vegetarismus. Ich bin Intervegetarier und kann mich in Kreuzberg nie entscheiden: Mustafas Gemüse-Döner oder Curry 36? Die BVV sollte endlich den Uni-Imbiss vorschreiben, das würde mich aus diesen Entscheidungsqualen befreien, und ich bin da sicher nicht der Einzige. Ach, und Imbissbuden haben überhaupt keine Toiletten – damit sind sie auch für Intersexuelle ideal.

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